Last Updated on 4. Dezember 2019 by Helmut Achatz

Mehr als die Hälfte der armen Alten, die Anspruch auf Grundsicherung hätten, gehen nicht zum Amt. Sie erdulden die Altersarmut aus Scham und Angst vor der Bürokratie. Höchste Zeit, das Antragsverfahren bei Grundsicherung im Alter zu vereinfachen, um Altersarmut entgegen zu wirken.

Lieber frieren und hungern sie, statt zum Amt zu gehen, um Grundsicherung im Alter zu beantragen. Mehr als die Hälfte der Alten, denen Grundsicherung im Alter zusteht, nehmen diese nicht in Anspruch, so das Ergebnis einer aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), die vom Forschungsnetzwerk Alterssicherung (FNA) der Deutschen Rentenversicherung Bund gefördert wurde.

Altersarmut schwer quantifizierbar

Die Zahlen zu ermitteln, die eher eine grobe Schätzung sind, war alles andere als einfach, denn verdeckte Altersarmut lässt sich nur schwer quantifizieren. Die Experten vom DIW haben hochgerechnet: Mithilfe der Angaben über den tatsächlichen Leistungsbezug ließ sich die Gruppe identifizieren, die zwar einen Anspruch hätte, diesen aber nicht geltend macht. Das DIW kommt auf knapp 62 Prozent oder hochgerechnet etwa 625 000 Privathaushalte, die ihren Anspruch nicht wahrnehmen.

Besonders hoch sei die Quote bei Älteren (über 77 Jahre) oder Verwitweten. Wer einen eher niedrigen Bildungsstand hat, ist eher betroffen als höher Gebildete. Betroffen sind auch die, die wenig Grundsicherung erwarten dürfen, weil sie nicht davon ausgehen, dass sie überhaupt etwas bekommen. „Vielen ist das Verfahren vermutlich zu aufwendig – gerade bei kleinen Beträgen – oder sie wissen gar nicht, dass sie den Rechtsanspruch haben“, vermutet Studienautor Hermann Buslei. Auch die Angst, als „Almosenempfänger“ abgestempelt zu werden, könne eine Rolle spielen.

Scham spielt laut Focus Online eine wichtige Rolle. Daneben spiele auch Unwissenheit eine wichtige Rolle: Viele Senioren kennen die ihnen zustehenden Hilfen gar nicht. “Oft wird an Lebensmitteln oder der Heizung gespart,” zitiert die “Süddeutsche Zeitung” ergänzend einen Mitarbeiter der Caritas. Der Druck wächst aber, denn irgendwann ist die Waschmaschine defekt oder ein anderes Haushaltsgerät. Dann sind die Betroffenen aber meist nicht mehr in der Lage, den Verlust noch aufzufangen.

Wer hilft beim Ausfüllen?

Wer hilft? Die Caritas beispielsweise. Der Antrag kann beim örtlichen Sozialamt gestellt werden, aber auch bei der Rentenversicherung. Das vierseitige Formular S2410 kann  bei der Deutschen Rentenversicherung online herunter geladen werden. Trotzdem scheuen immer noch viele davor zurück. Deswegen empfiehlt das DIW eine Aufklärungskampagne. Das Antragsverfahren  ist viel zu bürokratisch. Die aktuelle Regelung ließe sich vereinfachen, meinen die DIW-Experten. Sie sprechen sich ferner dafür aus, die Grundsicherung grundsätzlich nicht nur auf zwölf Monate zu befristen, schließlich ändere sich die Einkommenssituation von Älteren ja nicht jährlich.

Was ist Grundsicherung?

Die Grundsicherung im Alter entspreche, so „Focus Online“ in etwa den Hartz-IV-Regelungen für Geringverdiener. Im Jahr 2018 profitierten dem Magazin zufolge rund 3,6 Millionen Rentner von der staatlichen Hilfe.

Die Grundsicherung helfe Personen, die die Altersgrenze erreicht haben und „ihren notwendigen Lebensunterhalt nicht ausreichend oder überhaupt nicht aus eigenen Kräften und Mitteln sicherstellen können“, wie das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) formuliert.

Sie gewähre all denen Finanzhilfen, die infolge langjähriger geringer Arbeitseinkommen nur niedrige Rentenzahlungen erhalten. Wer sich die Zahlen anschaut, merkt auch schnell, dass Altersarmut weiblich ist.

Was aufgerechnet wird

Grundsicherung ist für diejenigen gedacht, die bedürftig sind, deswegen wird deren Bedürftigkeit geprüft. So wird laut „Focus Online“

  • bei der Grundsicherung das eigene Einkommen und Vermögen berücksichtigt.
  • Ein sogenannter Unterhaltsrückgriff auf Kinder erfolgt nur, wenn ein Kind mehr als 100.000 Euro zu versteuerndes Jahreseinkommen aufweist.
  • Die Grundsicherung beginnt mit dem ersten Tag des Monats, in dem der Antrag gestellt wird. Wer also beispielsweise am 4. Dezember den Antrag einreicht, profitiert im Fall eines positiven Bescheids ab 1. Dezember.
  • Grundsicherung wird grundsätzlich für zwölf Monate gewährt. Danach ist ein neuer Antrag zu stellen. Rückwirkend erfolgen keine Leistungen.
  • Achtung Wohngeld! Der Gesetzgeber hat klar geregelt: Leistungen der Sozialhilfe nach dem SGB XII wie die Grundsicherung im Alter sind einzustellen, wenn durch den Bezug einer anderen Sozialleistung – etwa Wohngeld – die Hilfebedürftigkeit überwunden werden kann.

Photo by Christian Langballe on Unsplash

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

2 Comments

  1. […] fahren also mit Grundsicherung besser als mit Grundrente. Dafür aber wird ein Bürokratie aufgebaut, denn der Datenaustausch […]

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  2. […] Quelle: Verdeckte Altersarmut aus Scham und Angst › Vorunruhestand […]

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