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Last Updated on 4. Juni 2020 by Helmut Achatz

Hunderttausende Italiener können mit 62 Jahren und viele Italienerinnen sogar schon mit 58 Jahren in Rente gehen. Vorausgesetzt, sie können 38 oder 35 Beitragsjahre vorweisen. Italiens Rentner dürfen sich freuen. Wie lang das allerdings gutgeht? Ab Juni kommt Italiens Rentenkasse in Liquiditätsprobleme.

Italien ist ein Rentnerparadies. Das lässt sich an den Zahlen des Istituto Nazionale Previdenza Sociale (INPS) ablesen. Der italienische Staat investiert weit mehr in die Rente seiner Bürger als der deutsche. Italiens Rentner kosten den italienischen Staat schon heute mehr als 300 Milliarden Euro kosten, das sind laut INPS 16,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), sprich dessen, was Italien jährlich erwirtschaftet. Allein der Staat schoss 2018 mehr als 105 Milliarden Euro zu. Deutschland zahlt seinen Rentner „nur“ 355 Milliarden Euro oder elf Prozent des BIP. Das ist, bezogen auf die Einwohnerzahl (Deutschland 82,5 und Italien 60,5 Millionen) prozentual deutlich weniger.

Italiens Rentner früher in Rente

Das reichte Matteo Salvini aber nicht (Salvini war 2018 Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident, im August 2019 trat er zurück). Er plante, die Rentner noch viel früher in Rente zu schicken, um für die Jungen Arbeitsplätze frei zu machen, so sein Argument. Er hat sich durchgesetzt. Somit dürfen Italiener bereits mit 62 Jahren in Rente gehen und Italienerinnen mit 58. Das Ganze läuft unter dem Begriff „Quota 100“. Alter und Beitragsjahre müssen 100 ergeben. Hier noch einmal die genaue Regelung (siehe Europäische Union):

  • Als 58-jährige Arbeitnehmerin (59 Jahre für Selbstständige) mit 35 abgeschlossenen Beitragsjahren vor dem 31. Dezember 2018 können Sie Anspruch haben auf einen vorgezogenen Ruhestand (die so genannte “Opzione donna”). In diesem System erhalten Sie die erste Rentenzahlung 12 Monate (für Arbeitnehmerinnen) und 18 Monate (für Selbstständige) nach Erwerb des Anspruchs.
  • Sofern Sie nicht Fachkraft, Geistlicher, Soldat, Journalist oder Zollbeamter sind, können Sie von April 2019 bis Dezember 2021 Anspruch auf vorgezogenen Ruhestand haben (die sogenannte “Quota 100), wenn Sie mindestens 62 Jahre alt sind und über 38 abgeschlossene Beitragsjahre verfügen (davon 35 Jahre im Zusammenhang mit tatsächlicher Arbeit). In diesem System erhalten Sie die erste Rentenzahlung 3 Monate nach Erwerb des Anspruchs, wenn Sie Arbeitnehmer im Privatsektor sind, und 6 Monate, wenn Sie Beamter sind. Die Rente darf nicht mit Einkommen aus Arbeit über 5.000 EUR jährlich kombiniert werden.

Mann und Frau sind nicht gleich

Anders als in Deutschland, unterscheidet sich das Rentenalter zwischen Männern und Frauen derzeit noch um ein Jahr, denn bis dahin konnten Italiener offiziell erst mit 66,7 in Renten gehen, Italienerinnen mit 65,7 Jahren. Für Italienerinnen sinkt das Renteneintrittsalter auf 58 Jahren, so sie denn 35 Rentenbeitragsjahre vorweisen können – für Italiener auf 62 Jahre. Italiens Rentner werden also weitgehend vom Staat alimentiert.

Dieser frühe Renteneintritt ist bereits im Februar 2019 wirksam geworden. Salvini schätzt, dass diese Änderung 2020 sieben Milliarden Euro kosten wird. Der Ansturm ist groß. Knapp 43 000 Beschäftigte haben der “Tagesschau” zufolge bereits offiziell einen Antrag auf Frührente gestellt. Die Regierung freue der Ansturm. Der Sender zitiert Vizeregierungschef Luigi di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung: “Es ist ein Instrument, auf das wir stolz sind. Mit der ‘Quota 100’ können dieses Jahr rund 400 000 Menschen mehr in Rente gehen. Was bedeutet das? Dass wir Arbeitsplätze freimachen.”

Italiens Schulden explodieren

Italien ist bereits heute im Euro-Raum das zweithöchst verschuldete Land. Der Schuldenstand wird sich weiter erhöhen – denn es soll nicht an anderer Stelle gekürzt werden. INPS-Präsident Tito Boeri rechnete dem italienische Parlament vor, dass sich die Schulden der Rentenkasse damit auf rund hundert Milliarden Euro erhöhen würden. Dabei hat Italien bereits heute Schulden von 2,3 Billionen Euro, was annähernd 132 Prozent des BIP entspricht. Und die Schulden werden wegen der Coronaviurs-Pandemie weiter steigen auf dann voraussichtlich 2,5 oder sogar drei Billionen Euro. Auch deswegen drängt der jetzige Ministerpräsident Giuseppe Conte auf Euro-Bonds, sprich auf eine Vergemeinschaftung der Schulden in Europa. Er versichert in einem Interview, “die Deutschen müssten nicht für italienische Schulden zahlen”, was angesichts der Zahlen wie Hohn klingt, denn Italien wird seine Schulden nie zurückzahlen können, dafür sind sie viel zu hoch. Dann aber muss Deutschland bürgen.

Italiens Politiker stellen jetzt den Maastricht-Vertrag und seine Regeln in Frage. Frühere Versprechen, Verträge stünden dabei im Weg, beschreibt die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” die Stimmung im Land. “Nun machen nationalistische Populisten Stimmung gegen europäische Regeln, gegen jegliche Fremdbestimmung, für die Rückkehr zur scheinbar bequemen Staatsfinanzierung durch die Zentralbank und für Defizite ohne Grenzen”, so die FAZ.

Selbst die jüngsten Vereinbarungen zu ESM und Fiskalpakt, die ihm nun veraltet erscheinen, wurden vor acht Jahren beschlossen, in der vorletzten Legislaturperiode, von der 63. Nachkriegsregierung, in Zeiten eines völlig anderen Parteiensystems.

Dem Chief Investment Officer“ zufolge soll Salvini Boeri geantwortet haben, doch besser abzutreten und in die Politik zu gehen. Boeri könne den Wählern dann ja erzählen, sie könnten erst mit 80 in den Ruhestand. Boeri schätzt, dass sich der Rentenanteil am BIP wegen dieser Änderung bis 2021 um einen Prozentpunkt auf 17,4 Prozent erhöhen werde.

Übrigens, bereits heute stehen viele italienische Rentner besser da als beispielsweise deutsche. Laut INPS liegt das durchschnittliche Renteneinkommen oder die Summe der Leistungen für jeden Rentner bei jährlich 21 000 für Männer (pro Monat: 1750 Euro) und bei 15 000 Euro (für Frauen: 1250 Euro). Davon können deutsche Rentner nur träumen.

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

21 Comments

  1. Wenn die Italiener so weitermachen, und ich denke, niemand wird sie bremsen können, dann werden sie den Euro sprengen: Irgendwann werden die Kapitalmärkte die Reißleine ziehen, das wird dann ganz schnell und ohne Vorankündigung passieren. Die große Masse der Deutschen sieht das über ihnen schwebende Damoklesschwert aber nicht. Wir hatten einmal eine Anti-Euro-Partei, die aber leider sonstwohin abgedriftet ist…

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    1. Helmut Achatz 31. Mai 2020 at 11:34

      Das ist auch meine Meinung. Leider werden wir das ausbaden müssen.

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  2. Helmut Achatz 28. April 2020 at 11:15

    Die gesetzliche Rente sichert in Deutschland vielen Seniorinnen und Senioren kein auskömmliches Alterseinkommen — das zeigen erneut Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Durchschnittlich wurden zum Jahresende 2018 nur 906 Euro Rente wegen Alters gezahlt. Auch wer mindestens 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, erhält „nur“ 1.311 Euro Bruttorente im Schnitt. Und das hat sich bis 2020 nur unwesentlich geändert. Viele gehen aus Scham nicht zum Amt, deswegen ist die versteckte Altersarmut viel größer als die offiziellen Zahlen vermuten lassen.

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  3. Herr Achatz, für welche Gruppen genau gilt denn diese Regelung, die Sie beschreiben (Quote 100?).
    Meine Kollegen in Turin gehen erst mit 67 Jahren in Ruhestand und meine Recherchen im Internet geben andere Informationen, jetzt bin ich verwirrt!

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    1. Helmut Achatz 19. April 2020 at 11:17

      Die Quota 100 funktioniert so: Special Quota 100

      38 Beitragsjahre und Renteneintrittsalter 62 = 100, nachzulesen bei https://www.pmi.it/tag/quota-100

      The portion 100 is a key measure of the Law of Budget 2019, to counter the effects of the Reform of Pensions in 2011 the government Mountains (Fornero Reform). Quota 100 is operational from 2019 (experimental until 2021), allows early exit from the world of work for all those who have at least 38 years of contributions with a minimum age of 62 years (e.g. a worker with 39 years of contributions and 61 years of age will have to wait one year to submit an application). All without penalty on the check (if not the one due to the lower contributory amount).

      Follow PMI.it for all updates, legal requirements, instructions and special cases to calculate the pension on the basis of Quota 100.

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    2. Helmut Achatz 19. April 2020 at 11:19

      und hier noch mal eine andere Quelle, dieses Mal in italienisch: https://www.informazionefiscale.it/quota-100-cos-e-come-funziona-limitazioni-decreto

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    3. Helmut Achatz 28. April 2020 at 11:09

      Ist dann die offizielle Quota 100 Fake? Als ich in Sizilien war, habe ich ganz viele “junge” Rentner gesehen. Auch Fake?

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  4. Das Beste wäre jeder Staat ist wieder sein Eigener und gut ist.
    Dann kann Deutschland schauen mit welchen Zinsen sie Geld verdienen. Im Moment nämlich vom Süden.

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  5. Die Corona-Krise reißt Löcher in die klammen italienischen und spanischen Finanzen. Was liegt näher, als vom Norden Geld zu fordern. Die können ja dann ruhig bis 75 arbeiten. Wir sollten uns solidarisch zeigen. Unsere Steuern und das Rentenalter erhöhen und die Mehreinnahmen dem Süden schenken.

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    1. Helmut Achatz 8. April 2020 at 6:59

      Ja, darauf wird es hinauslaufen. Wir werden noch länger arbeiten, noch höhere Abgaben zahlen und dafür weniger bekommen. Zinsen können wir auf Jahrzehnte vergessen.

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    2. Eugen Dinkel 8. April 2020 at 11:14

      Das ist treffend auf den Punkt gebracht!
      Wie wäre es denn, wenn sich Italiener, Franzosen und andere solidarisch zeigen und das Rentenalter auf 67 sowie das Rentenniveau auf 48% angleichen würden?
      Oder noch besser: Man beendet die Missgeburt EU und gründet die Vereinigten Staaten von Europa mit gleichen Sozial- und Steuer-Gesetzen für ALLE.
      Das ist natürlich nur Illusion, aber dann würde der Begriff „Solidarität“ auf uns nicht mehr so makaber wirken.

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      1. Michael Hansen 26. April 2020 at 23:44

        Nein, auf keinen Fall Vereinigte Staaten von Europa. Das gibt Bürgerkrieg !

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        1. talien zahlt seinen Senioren ebenfalls überdurchschnittliche Renten bei unterdurchschnittlichen Löhnen für die Erwerbstätigen. Da das Armutsrisiko für Senioren hier aber mit 21,9 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt von 18,2 Prozent liegt, dürften eher die geringen Löhne das Problem sein.
          Man muss immer das gesamte Sozialgefüge betrachten. Italien hat Rente mit 67, jedoch mit der kürzlich eingeführten Ausnahme (befristet für 2 Jahre), für Arbeitstätigkeit von 38 Jahren und einem Alter von 62 Jahren.

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          1. Helmut Achatz 27. April 2020 at 10:06

            Momentan – und das noch bis Ende 2021 – Rente mit 62 oder 58 Jahren. Italien hat das einfach ohne Rücksicht auf des europäische Sozialgefüge eingeführt. Überall sonst steigt das Renteneintrittsalter nur nicht in Italien. Aber Italien fordert Solidarität von den anderen ein, vor allem von Deutschland.

          2. Übrigens, bereits heute stehen viele italienische Rentner besser da als beispielsweise deutsche. Laut INPS liegt das durchschnittliche Renteneinkommen oder die Summe der Leistungen für jeden Rentner bei jährlich 21 000 für Männer (pro Monat: 1750 Euro) und bei 15 000 Euro (für Frauen: 1250 Euro). Davon können deutsche Rentner nur träumen.
            Wie verträgt sich diese Aussage mit einer anderen Info:
            Das Armutsrisiko ist in Italien mit 21,9% deutlich höher als im EU Durchschnitt von 18,2% ??

  6. Italiener haben pro Kopf ca.doppelt so viel Vermögen, wie Deutsche. Dazu gehen sie früher in Rente. Da finde ich es nahezu grotesk, Deutsche um Geld anzubetteln. Aber wir werden das mitmachen, auch wenn wir uns jetzt noch wehren. Wetten ?

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  7. Gerhard Fritzel 3. April 2020 at 19:04

    Italien ist eines der schönsten Länder der Welt, Nachteil: Sie können nicht rechnen. Deswegen machen sie es sich jetzt besonders einfach. Stichwort Eurobonds. Das Problem ist gelöst, Italien bekommt von uns und den Euroländern die, ebenfalls vernünftig gerechnet haben, eine Eurobond-Kreditkarte. Auf diese können sie dann noch mehr Schulden draufsatteln, für die wir dann mitverantwortlich sind. Bravo, so geht das Abendland dann entlich zugrunde.

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  8. Quote 100 ist keine schlechte Idee. Man bekommt aber weniger Rente als wenn man bis 67 arbeiten würde.
    Ich glaube schon für die Jugend Arbeitslosigkeit brings was.
    Es ist doch besser wenn ein Maurer z. B. mit 60ig der eh körperlich viel geleistet hat in Rente gehen zu lassen, um dann einen Jugendlichen mit 20ig eine Arbeit zu geben.

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    1. Besser schon, aber man muß es sich eben auch leisten können…. und da liegt der Hase im Pfeffer…

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    2. Die Arbeitsjahre sollten auf jeden Fall Priorität haben. In Italien sind das die 38 Jahre und sind bald auch 40 Arbeitsjahre. Wer diese Arbeitszeit nicht nachweisen kann muß auch dort bis 67 arbeiten. Warum ein Maurer bis 67 arbeiten sollte wenn er mit 16 Jahren angefangen hat zu arbeiten ist nicht einzusehen.Der Arzt der erst mit 28 Jahren seine Berufstätigkeit angefangen hatte darf natürlich bis 67 arbeiten. Bei dieser Rechnung hat der Maurer im Alter von 62 – 46 Arbeitsjahre und der Arzt im Alter von 67 – 39 Arbeitsjahre.

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  9. Bei den Italienern gehen die Uhren bekanntlich anders.Mit dem Geld nimmt man es nicht so genau, besonders dann wenn es vom Steuerzahler kommt. Das zeigt sich bekanntlich bei den Abgeordnetendiaeten. Diese sind die hoechsten in Europa.Nun moechte man auch den Rentnern etwas zugute kommen lassen. Natuerlich schleicht sich hier das Gefuehl ein dass Italien bald zu einem zweiten Griechenland werden koennte. Auf jeden Fall ist ein Aspekt der Rentenreform richtig. Es sollten auf jeden Fall die Arbeitsjahre beruecksichtigt werden. Davon koennten die deutschen Politiker auf jeden Fall lernen.

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