Anders als die Deutschen setzen die Norweger auf den Kapitalmarkt für die Altersvorsorge – und fahren deutlich besser damit. Norweger haben ein Guthaben, Deutsche Schulden pro Kopf. Die norwegische Zentralbank kümmert sich um den Reichtum der Nation und künftiger Generationen. Das können wir von den Norwegen lernen.

In 50 Jahren sind die Ölfelder in der Nordsee erschöpft – für die Zeit danach hat Norwegen vorgesorgt dank der Umsicht früherer Generationen, die das Geld nicht verplempert haben. Die norwegische Staatsbank (Norges Bank) hat das Geld in Aktien und Immobilien weltweit in einem Pensionsfonds angelegt. Mittlerweile hat dieser Fonds ein Volumen von weit mehr als 8,23 Billionen norwegischer Kronen oder umgerechnet 825 Milliarden Euro. Der norwegische Pensionsfonds wird nur von 550 Leute organisiert – alles Spezialisten und entsprechend gut bezahlt. Die Kosten sind mit sechs Prozent vergleichsweise hoch, die Wertentwicklung des Fonds aber auch. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat der globale Pensionsfonds eine durchschnittliche jährliche Rendite von mehr als 13 Prozent erreicht, in den vergangenen 20 Jahren sogar 21 Prozent pro Jahr. Selbst nach Abzug der Kosten bleibt immer noch genug übrig für die Norweger. Wer will kann das alles selbst online nachrechnen, dafür gibt’s den Aktienrechner – einfach Kauf- und Verkaufskurs eingeben und Anlagedauer, auf „Berechnen“ klicken“ und die Rendite ablesen.

Von Norwegen lernen

Was haben Norwegens Rentner davon? Das Geld aus dem Pensionsfonds finanziert den Wohlfahrtsstaat, dazu gehören die Krankenkasse und die Mindestrente von umgerechnet annähernd 1600 Euro. Wie viel Geld generiert der Fonds? Von April bis Ende Juni 2018 erzielte der Fonds beispielsweise einen Gewinn von umgerechnet 17 Milliarden Euro, nur mal so als Beispiel. 17 Milliarden geteilt durch 5,25 Millionen Norweger ergibt 3238 Euro pro Einwohner. Wer’s nicht glaubt, kann das jederzeit online auf den Seiten des Norges Bank Investment Management nachlesen. Da steht auch, wie viel der Fonds aktuell wert ist, wo wieviel Geld investiert wird und wie sich der Fonds in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Mittlerweile ist jeder Norweger dank des Pensionsfonds ein Kronen-Millionär.

Mindestrente ist keine

Allerdings ruhen sich die Norweger nicht auf der Mindestrente aus, denn die reicht auch im teuren Norwegen nicht weit. Wer Kinder großzieht, bekommt automatisch drei Rentenpunkte pro Jahr, um die Grundrente aufzustocken. Für Norweger ist es auch selbstverständlich, mit einer Betriebsrente fürs Alter vorzusorgen. Norweger können laut Deutscher Rentenversicherung schon mit 62 Jahren in Rente gehen, wenn sie entsprechen Rentenpunkte gesammelt haben. Reguläres Rentenalter ist allerdings 67 Jahre. Tatsächlich arbeitet rund ein Fünftel der Norweger noch nach 65 Jahren, weil sie Rente und Arbeit miteinander verbinden können. Um das zu ermöglichen, bietet der Staat einiges an Hilfen an, was er sich dank des Pensionsfonds auch locker leisten kann.

Die Schaltzentrale der norwegischen Pensionsfonds

Chancen des Kapitalmarkts

Allein die Zahlen sind schon beeindruckend. Wäre das nicht auch ein Modell für Deutschland? Natürlich! Aber deutsche Politiker arbeiten eher gegen eine kapitalgestützte Zusatzrente. Norbert Blüm hat den Deutschen den Blick mit seinem Spruch „die Rente ist sicher“ vernebelt, Riester hat die kapitalgestützte Vorsorge torpediert und Ulla Schmidt (SPD) sowie Horst Seehofer (CSU) haben alle, die eigenverantwortlich per Direktversicherung fürs Alter vorgesorgt haben – und immer noch vorsorgen – mit dem 2004 eingeführten Gesundheitsmodernisierungsgesetzt (GMG)  schlichtweg enteignet, indem sie ihnen doppelte Krankenversicherungsbeiträge aufgebrummt haben. Der Hype um die vermeintliche Volksaktie Telekom – erinnert sei nur an die Werbung mit Manfred Krug alias Liebling Kreuzberg – und ihr desaströser Absturz haben ebenfalls dazu beigetragen, dass den Deutschen die Lust auf Aktien gründlich vermiest wurde.

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Wertentwicklung des norwegischen Pensionsfonds seit 1998

Keine Angst vor Altersarmut

Wer über Altersarmut redet, muss auch darüber reden, wie deutsche Politiker den Deutschen die Chancen des Kapitalmarkts gründlich madig gemacht und sie durch gesetzgeberische Maßnahme davon abgehalten haben. Wenn einer wie Friedrich Merz, der ums Amt des CDU-Vorsitzenden kandidierte, wegen seines Vorschlags, mit Aktien fürs Alter vorzusorgen, sofort in die Lobbyisten-Ecke gestellt wird, sagt das alles aus über die Aktien-Antipathie der Deutschen. Das rächt sich jetzt leider. Denn wir Deutsche müssen Angst vor dem Alter haben, anders als die Norweger.

Transparenz als Voraussetzung

Leider kann der Einzelne die Anlagepolitik des „Statens pensjonsfond utland“ mangels Masse nicht unmittelbar umsetzen. Lässt sich trotzdem von den norwegischen Finanzverwaltern lernen? Die Norweger streuen das Vermögen weltweit, um das Risiko zu minimieren, sie verteilen das Geld auf Anleihen (29,7 Prozent), Aktien (67,6 Prozent) und Immobilien (2,7 Prozent) – und investieren langfristig. Risk-adjusted-Return, sprich möglichst hohe Rendite bei möglichst geringem Risiko propagiert Fondschef Yngve Slyngstad. Transparenz und Verantwortung gehören ebenfalls zu den Leitlinien – und dazu gehört, dass jeder Norweger jederzeit weiß, wie viel der Fonds wert ist und in was er investiert. Auf der Einstiegsseite des Fonds läuft eine Vermögensuhr, die den aktuellen Marktwert des Fonds in Bruchteilen von Sekunden ausrechnet.

Besser als der Index

Letztlich orientieren sich die norwegischen Fondsmanager natürlich an einer Richtgröße – und das ist der FTSE Global All Cap Index, ein Korb von 8000 Aktien von größeren Unternehmen weltweit, gewichtet nach ihrem Börsenwert. Daraus errechnet sich ein Durchschnitt, der Index eben. Den Korb zusammengestellt hat FTSE Russell, eine Tochter der Londoner Börse, wobei die Abkürzung FTSE für Financial Times Stock Exchange steht. Privatanleger wären langfristig allerdings mit dem konkurrierenden MSCI World besser gefahren – und mit dem MSCI World Minimum Volatility noch besser. Beides sind ebenfalls Körbe von Tausenden Unternehmen weltweit. „Korb-Macher“ ist MSCI (vormals Morgan Stanley Capital International), ein in New York ansässiger Finanzdienstleister, der Indizes zusammenstellt und anderen gegen Geld erlaubt, diesen Index zu benutzen. Die Fondsbranche hat sich darauf eingeschossen und eine Vielzahl von entsprechenden Index-Fonds entwickelt, darunter auch die beiden genannten.

Norwegen wird immer reicher

Das Konzept der Norwegen scheint zu stimmen, denn auf Dauer wächst das Vermögen des Fonds zum Wohl künftiger Generationen. Sie haben ihren Öl- und Gas-Schatz sinnvoll genutzt, um für die Zukunft vorzusorgen. Davon kann sich Deutschland eine Scheibe abschneiden.

Aber so lange Aktienbesitz hierzulande verteufelt und die Aktienkultur mit Füßen getreten wird, bleibt es beim sehnsuchtsvollen Blick nach Norden. Die Folge wird sein, dass sich Altersarmut weiter ausbreitet und der Verteilungskampf nach 2025 erst so richtig losgeht.

Disclaimer:

Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Die hier enthaltenen Aussagen sind nicht als Angebot oder Empfehlung bestimmter Anlageprodukte zu verstehen. Dies gilt auch dann, wenn einzelne Wertpapiere oder Investments erwähnt werden. Der Beitrag soll lediglich einen Überblick über die Möglichkeiten geben und die selbständige Anlageentscheidung erleichtern.

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

7 Comments

  1. […] sind die Skandinavier weit pragmatischer als wir Deutsche. Norwegen und Schweden setzen auf den Kapitalmarkt, um die Demographie bedingte Lücke bei der gesetzlichen […]

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  2. Dirk Feldhinkel 3. Januar 2019 at 14:19

    Der Aktienmarkt ist ein hervorragender Diener, aber ein schlechter Meister.

    Das norwegische Beispiel zeigt, wie erfolgreich die Aktienanlage sein kann, wenn der Umgang damit stimmt.
    Es ist eine seit vielen Jahrzehnten bekannte Weisheit, dass die Aktien-Anlage mit guter Streuung auch für kleinere Anleger langfristig eine sehr gute Wahl ist.

    Erst recht in der Form von gut ausgewählten Aktienfonds, mit der sich zum Beispiel der „Cost-Average-Effect“ nutzen lässt.

    Klingt kompliziert – ist aber einfach:

    Die Spar-Rate ist gleichbleibend. Ist der Kurs hoch, dann werden dadurch weniger Anteile für den gleichen Betrag gekauft. Ist der Kurs niedrig, dann werden mehr Anteile den gleichen Betrag gekauft. Der durchschnittliche Einstandspreis sinkt und erhöht dadurch dauerhaft den Gewinn.

    Warum haben deutsche Bürger davor eine solche Angst?

    Politik ist hier sicher nicht an allem schuld. Waren uns in der Vergangenheit noch viele fette Jahre mit hohen Zinsen und noch großzügigen steuerfreien Kapitallebensversicherungen beschert. Viel Nachdenken brauchte man nicht. Das ist erst seit 10 Jahren anders.

    Doch Ende der neunziger Jahre passierte etwas: der „neue Markt“ kam an die Börse.

    „Ich habe noch nie so viele Idioten auf so wenigen Quadratmetern gesehen wie an der heutigen Börse.“

    Es ist ein kaum zitiertes Originalzitat vom Börsenguru Andre Kostolany (1999 †), welches ich selbst während einer Talkshow vernommen hatte.

    Mit Vergnügen sah ich, wie Ron Sommer, der als damaliger Telekom-Chef öffentlich die „Volksaktie“ propagierte, mit knallrotem Gesicht eine „verbale Abreibung“ von Andre Kostolany über sich ergehen lassen musste.

    Kostolany erkannte prophetisch, dass diese Telekom-Aktie durch den als völlig überteuerten Ausgabepreis als „Volksaktie“ ein finanzielles Desaster werden würde. Der neue Markt würde sowieso in absehbarer Kürze zusammenbrechen. Er sprach wörtlich vom Betrug am Anleger.

    Leider erlebte er nicht mehr selber, wie Recht er hatte. Die Dot.com Blase platzte 2000. Frank Thelen ist bis heute ein prominentes Beispiel dafür.

    Die „normalen“ Deutschen hatten also einen sehr schlechten Start mit der Börse.
    Man könnte von einem kollektiven „Primacy-Effect“ sprechen. Das hat sich eingebrannt.

    Wir Menschen sind wohl in der Sache „Schwarm-Intelligenz“ nicht so talentiert wie Ameisen oder Heringe.

    Besser ist es, wenn wir unseren Verstand einsetzen. Dann klappt es auch mit den Aktien.

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    1. Helmut Achatz 3. Januar 2019 at 14:24

      Sehr gut zusammengefasst

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  3. Ich glaube nicht, dass das norwegische System in unserem europäischen System funktioniert. Norwegen hat sich stark von Europa isoliert und kann Dank der Ölvorräte ihren Einwohnern ein sorgenfreies Leben bieten. Das ‚Deutsche Öl‘, sprich das know how im Fahrzeugbau, in der Energietechnik schmiltzt gerade schneller als der Ölvorrat in Norwegen, da es nicht mehr gebraucht wird und schlechtgeredet wird. Die Norweger verkaufen ihr Öl und verteufeln gleichzeitig die Verbraucher als Umweltverschmutzer. Konsequent wäre ihre Ölproduktion zu beenden. Dies unterbleibt, weil dann das geruhsame Leben enden würde. Norwegen first steht hier in der Kritik, sie sollten sich stärker – auch finanziell – an Europa/Welt beteiligen.
    Unser Rentensystem ist allerdings reformbedürftig, ein Staatsfonds wäre nicht das Schlechteste. Solange aber bei uns eine kleine Schicht (Beamte, Politiker) gut versorgt wird und diese darüber hinaus die Mehrheit im Parlament haben wird sich nichts ändern. Nur wenn wir wie die Franzosen (Gelbwesten) Mut an längeren Protesten finden, besteht eine Änderungschange.

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  4. Solange unsere Politiker unter dem Leitspruch „meine (Politiker-) Rente ist sicher“ Gedanken über eine sichere Altersversorgung machen, wird sich für den arbeitenden Bevölkerungsanteil in Deutschland nichts ändern!

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  5. Helmut Achatz, ein toller Artikel über die Norweger, von denen w i r uns tatsächlich eine „Scheibe abschneiden“ können! Während der Norwegische Staat seine Rentner unterstützt, enteignet der Deutsche Staat diejenigen, die für ihr Alter vorgesorgt haben! Durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz verlieren wir rund 1/5 unserer privaten Altersvorsorge durch Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge in Höhe von 18,5 %.

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    1. Danke. Ja, ich empfinde immer stärker das Gefühl, dass wir deutsche Bürger Verfügungsmasse sind.

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