Jetzt gehen die Babyboomer in Rente

BücherSoziales

Werbung

Oft genug geunkt, jetzt passiert’s – die ersten Jahrgänge der Babyboomer gehen 2023 in Rente. Das war lange bekannt, wurde aber erfolgreich verdrängt und ignoriert. Jetzt kommt das große Wehklagen.

1957 kamen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt annähernd 1,17 Millionen Kinder auf die Welt – und davon sind die meisten schon in Rente, der Rest folgt dieses oder im kommenden Jahr. Dann haben sie die Regelaltersgrenze von 65 Jahren plus elf Monate erreicht. In den Folgejahren waren es sogar noch mehr Geburten: 1958 rund 1,175 Millionen, 1959 dann 1,243 Millionen … und 1964 sogar 1.357.304. Die junge Republik wuchs damals jedes Jahr bevölkerungsmäßig um 400.000, 1964 sogar um annähernd eine halbe Million. Diese Zahlen sind seit langem bekannt. Die nötigen Konsequenzen wurden aber jahrzehntelang verdrängt und nötige Reformen auf den Sank-Nimmerleinstag verschoben – und der ist jetzt.

Babyboomer gehen in Rente

Jetzt begreifen viele, dass die Babyboomerinnen und Babyboomer dieses Land aufgebaut, versorgt, bezahlt, bemuttert und ernährt haben – und ab jetzt in Rente oder Pension gehen. Das heißt, sie fallen als Arbeitskräfte weg und beziehen ihre Rente oder Pension.  Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet, dass bis  2035 in Deutschland sieben Millionen Arbeitskräfte verloren gehen – wenn die Politik nicht gegengesteuert. Um den Zusammenbruch zu verhindern, halten Forscher fünf Änderungen für entscheidend:

  • eine höhere Geburtenrate
  • Ältere im Job halten
  • Zuwanderer anziehen und integrieren
  • Arbeitslosigkeit weiter abbauen
  • Berufliche Entwicklung von Frauen stärken

Zurzeit sieht es indes danach aus, dass es bei diesen Punkten hapert. Das heißt, der  Fachkräftemangel in Deutschland wird sich in den kommenden Jahren in vielen Bereichen weiter verschärfen, wie das  Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) befürchtet. „Wenn wir es schaffen, die Babyboomer nur etwas länger arbeiten zu lassen, wäre uns bereits enorm geholfen“, meint Alexander Burstedde, Autor der Studie „IW-Arbeitsmarktfortschreibung“.

Zugangsalter zur Rente

zugangsalter rente

Männer gehen mit 64,2, Frauen mit 64,0 Jahren in Rente

 

Viele Unternehmer haben noch immer nicht begriffen, dass sie schon einiges ändern müssten in punkto Unternehmenskultur, um Babyboomer etwas länger zu halten. Das betrifft sowohl Arbeitszeit, Flexibilität und Belastungen. Ältere in Arbeit zu lassen, sei der mit Abstand wichtigste Hebel gegen den Fachkräftemangel, so Burstedde: „Grob gesagt etwa dreimal so wichtig wie die Zuwanderung.“ Sebastian Dullien, Ökonom am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, pflichtet Burstedde bei.

Es braucht massive Impulse für einen alters- und alternsgerechten Umbau der Arbeitswelt.

„Rentenreport“ DGB

Besseres Umfeld für Ältere

Ältere im Job halten heißt, die Arbeit neu zu organisieren. Das gelte gerade im Pflegebereich, so die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe,  Bernadette Klapper. An qualifiziertem Personal mangele es nicht, so die Hans-Böckler-Stiftung. Rein rechnerisch könnten mindestens 300 000 Vollzeitstellen in der Pflege durch Rückkehrer und Aufstocker besetzt werden, vorausgesetzt, die Arbeitsbedingungen entwickelten sich zum Besseren. „Die Menschen schaffen es einfach nicht, bis 65 und länger zu arbeiten, weil die Arbeitsbedingungen nicht altersgerecht sind“, so Bayerns DGB-Chef Bernhard Stiedl dem „Münchner Merkur“ gegenüber.

Die Pflege ist allerdings nur eine Branche, in der Arbeitskräfte händeringend gesucht werden, das gleiche gilt auch für Bau und Handwerk.

Mit 65 sind fast alle in Rente

Wie sieht die Wirklichkeit aus? „Mit 65 sind fast alle in Rente“ titelt der „Münchner Merkur“ und zitiert dabei den „Rentenreport“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB): „2021 waren nur 14,3 Prozent der 65-Jährigen in Bayern noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt“, dabei sei das offizielle Zugangsalter in die Altersrente 2021 bei 65 Jahren und zehn Monaten gelegen. Babyboomerinnen gehen im Schnitt mit 64,2 Jahren, Babyboomer mit 64 Jahren in Rente. Der „Rentenreport“ des DGB liefert viele interessante Statistiken in punkto Rente und Arbeitswelt.

Rentenkürzungsdebatte

Der DGB halte „die Diskussion um eine über 67 hinaus verlängerte Lebensarbeitszeit für eine reine Rentenkürzungsdebatte“, zitiert der „Münchner Merkur“ Bayerns DGB-Chef Stiedl. Er sieht laut „Münchner Merkur“ Österreich als Vorbild, „wo die Rente im Schnitt 700 Euro im Monat höher sei als in Deutschland. Die Gründe dafür seien, so Stiedl weiter, dass dort auch Beamte, Selbstständige und Politiker in die Rente einzahlen und die Arbeitgeber stärker belastet würden; zudem sei der Rentenbeitragssatz mit 22,8 Prozent höher als in Deutschland (18,6 Prozent).

Jetzt den Newsletter abonnieren

„vorunuhestand.de berichtet laufend über das, was die 60plus-Generation betrifft – und ab sofort auch per kostenlosem Newsletter. Sei dabei und melde dich gleich an. Jetzt den vorunruhestand-Newsletter abonnieren … und 14tägig Tipps, Infos und Anregungen für den Vorruhestand und die Rente erhalten.

Der nächste Newsletter kommt am Sonntag, den 5. Februar 2023. 

Hier abonnieren

Verteilungskrieg ist programmiert

Ein Verteilungskrieg ist programmiert, denn niemand kann ernsthaft daran glauben, dass nach dem Eintritt der Babyboomer in die Rente alles so bleiben kann, wie es ist. 2023 sei das Jahr, in dem der Jahrgang 1957 das Rentenalter von 65 Jahren erreiche, und ein Millionenjahrgang in Rente gehe, rechnet Schulz in einem „Welt“-Interview vor. „Auf ihn folgen 13 weitere Millionenjahrgänge, alle größer als alle bisherigen“, so Schulz weiter. Das werde uns schlichtweg überfordern. Die Frage sei, ob wir es geschehen lassen oder ob wir es mit gestalten. 1957 beginnt sich der Babyboomer-Bauch zu wölben, der erst 1971 – dem letzten Babyboomerjahr – wieder schlanker wird. Der Kampf heißt: Demokratie vs. Demographie – und erst beginnt 2023.

Kaum einer kann sich vorstellen, dass 1958 die Kinder bis zehn Jahre die größte Altersgruppe in Deutschland darstellte – und genau diese Kinder von damals gehen schon sehr bald in Rente.

Der Weg zur Altenrepublik

Bundesweit zählen wir bald jährlich eine halbe Million mehr Neu-Rentner als Menschen, die die Volljährigkeit erreichen, rechnet Schulz vor. In manchen Bundesländern werde es mehr Menschen mit Pflegestufe geben als Wähler unter 30. Was das für Folgen hat, können die meisten nur ahnen. Irgendwann werden die Jungen rebellieren angesichts überbordender Sozialabgaben. Die Überalterung hat aber auch noch andere Auswirkungen – auf Innovationsfähigkeit und letztlich unseren Wohlstand.

Drohender Generationenkonflikt

Was droht, ist ein Generationenkonflikt. Die Politik, allen voran Angela Merkel, hat die vergangenen 20 Jahre verschlafen. Statt frühzeitig eine grundlegende Rentenreform anzustoßen und umzusetzen, wie Österreicher und Schweden beispielsweise, wurde an diesem und jenem Schräubchen gedreht.

altenrepublik cover Die Altenrepublik
Stefan Schulz
Gebundenes Buch, 224 Seiten
Hoffmann und Campe
Preis: 23,00 Euro
Erschienen: September 2022
ISBN: 978-3-455-01468-6

Buchempfehlung

Rentenplaner für Dummies

„Rentenplaner für Dummies“ von Helmut Achatz

Kurz vor der Rente – und nun? Das Buch „Rentenplaner für Dummies“ hilft allen künftigen und seienden Rentner, sich in punkto Finanzen zurechtzufinden. Das klingt einfacher als es ist, ist aber kein Hexenwerk. Mit Ende 50, Anfang 60 fragen sich viele, ob Ihre Rente reicht und was auf Sie zukommt. Wer mit der Rente auskommen will, hat als Vorruheständler noch die Chance, an der Schraube zu drehen. Aber auch Rentner können noch etwas deichseln, um mit ihrer Rente besser über die Runde zu kommen.

 

 

 

 

 

 

Bild: iStock | Morsa Images

Du kannst den Artikel teilen:

Werbung

Das könnte dich auch interessieren

3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

null

Helmut Achatz

Macher von vorunruhestand.de

Newsletter

Erhalte regelmäßig News, Tipps und Infos rund um’s Thema Rente und Co. Du erhältst 14-tägig einen Newsletter.

Weitere Inhalte

Rentenplaner für Dummies

Werbung

Menü