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Raus aus dem Job, rein in die Rente – viele Männer fallen dann in ein Loch. „Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand“, der Titel des Buchs von Wolfgang Schiele trifft den Nagel auf den Kopf. Was so harmlos klingt, endet bei einigen im Desaster. Das muss nicht so kommen.

Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse über die Stufen des Lebens. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmende Gewöhnung sich entraffen“, womit der deutsch-schweizerische Dichter die Aufgabe unserer letzten Heldenreise treffend beschreibt. Die Entberuflichung verlangt uns einiges ab, auf das uns niemand wirklich vorbereitet hat. Aber wozu gibt es Bücher wie „Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand“ von Wolfgang Schiele?

Wie den Übergang meistern

Der Übergangscoach und Resilienztrainer hat sich die Zeit genommen, seine Erkenntnis in diesem Buch zusammenzufassen. Ihm geht es darum, vor allem uns Männern zu helfen, diese Zäsur im Leben zu meistern. Gerade Männer brauchen dieses Buch dringend. Für einige könnte es sogar ein Erste-Hilfe-Anleitung sein. Schiele spricht von „Heldenreise“ – und darauf sollten wir uns einrichten. Wir müssen uns im Übergang bewähren und eigene Verwandlungen vollziehen. Wer sich davor drückt, wird Schiffbruch erleiden wie einst Odysseus. Der Held aus Ithaka ist allerdings dann doch noch heimgekehrt, was er seiner List und seinem Durchhaltevermögen verdankte.

Von Odysseus lernen

Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand?

Rastlos im Beruf, ratlos im Ruhestand?

Nur ist nicht jeder Übergängler so listenreich wie Odysseus. Das darf angesichts der Zahlen bezweifelt werden: Die Suizid-Rate gerade unter Senioren ist vergleichsweise hoch. 45 Prozent aller Selbsttötungen sind der Deutschen Stiftung Patientenschutz von Menschen im Seniorenalter. Sicher sind einige dabei, die quälende Schmerzen nicht mehr aushalten und sich deshalb das Leben nehmen, ein anderer Teil kommt aber mit dem Abschied aus dem Beruf nicht klar und wird depressiv.

Wider den Renten-Blues

Schiele hat das Problem, den Rentner-Blues so aufgedröselt, dass jeder nachvollziehen kann, wie aus der anfänglichen Euphorie ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit wird, das schließlich zum Suizid führt. Gerade Männer sollten sich die Bore-Out-Uhr genau anschauen und sich fragen, wo ihr Zeiger steht – noch beim inneren Rückzug oder schon beim Zweifel am Sinn des Lebens.

Schiele belässt es aber nicht bei der Analyse der Übergangsprobleme – er bietet Lösungen an. Wer auf der Bore-Out-Uhr schon bei sieben oder acht angekommen ist, braucht dringend den Erste-Hilfe-Koffer des Übergangscoach. Wer noch bei drei oder vier ist, sollte sich überlegen, wie er zu einer Vision – der bildhaften Vorstellung einer zukünftigen Realität – kommt und daraus Ziele ableitet. Ziele motivieren und geben uns Halt in der dritten Lebensphase, wie einst Odysseus, der alles daransetzte, zu Frau und Kind zurückzukehren. Dieses Ziel half ihm, alle Widerstände zu überwinden.

Das Beste aus der Rente machen

Aufblühen oder abwracken? Wer seinen Ruhestand nicht aktiv gestaltet, muss sich nicht wundern, wenn er versauert. Diesen Ruhestand zu gestalten, das ist die Herausforderung – und sie verlangt planmäßiges Vorgehen. Nichts schlimmer, als den Tag zu verdaddeln oder einfach so vor sich hinzudämmern. Wer nichts tut, macht vieles verkehrt. „Wer jeden Abend sagen kann – ‚ich habe gelebt‘ -, dem bringt jeder Morgen einen neuen Gewinn“, schrieb einmal der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, heißt ein Sprichwort. Das heißt, wir haben es in der Hand, aus diesem letzten Lebensabschnitt das Beste draus zu machen. Warum das so ist und wie es gelingen kann, lässt sich in Schieles Buch nachlesen.

Was ist unsere Erfahrung wert?

Es ist dem Buch anzumerken, dass es von einem verfasst wurde, der weiß, wovon er schreibt. Rührend bis mitfühlend das Kapital, in dem Schiele beschreibt, wie er seinen „virtuellen beruflichen Suizid“ einleitete, indem er die Dateien auf seinem Rechner löschte, die Festplatte jungfräulich abzugeben. Mit Erstaunen verinnerlicht er, dass es für seinen Posten keine Nachfolgeregelung gibt. Seine Erfahrungen zählen nichts mehr. Das schmerzt.

Schiele rückt die Herausforderung des Übergangs ins Bewusstsein und liefert praktikable Lösungen – unterlegt mit Beispielen und Checklisten. Sein Buch ist im wahrsten Sinn des Worts ein Handbuch zur „aktiven Gestaltung der dritten Lebensphase“. In dem 288-Seiten-Werk steht alles, was ein Unruheständler wissen muss.

Und falls eine Frage unbeantwortet bleiben sollte – Schiele ist im Internet unter www.coachingfiftyplus.de zu erreichen und auf seinem Blog Späte-Freitheit-Ruhestand.

Zwei, drei Jahre Vorbereitungszeit

Rente hat uns niemand beigebracht – diese Erkenntnis ist das große Motto des Buchs, dass jeder Vorruheständler lesen sollte. Ruheständlern kann es übrigens auch nicht schaden. Besser ist es allerdings, sich schon zwei oder drei Jahre vor der Entberuflichung mit der dritten Lebensphase zu beschäftigen. Nur wer verstanden habe, wie wichtig es ist, „die Droge Arbeit wie ein Antidepressivum gezielt auszuschleichen, um psychischen Entzugsproblemen aus dem Weg zu gehen“, kann gelassen nach der Abschiedsfeier in Rente gehen.

Leider gibt es viele Männer, die ihrem Job nachtrauern und es nicht schaffen, sich mental von Beruf und Firma zu verabschieden, die immer noch ihrer alten Bedeutung nachtrauern und dabei vergessen, das Hier und Jetzt zu genießen und einen neuen Sinn zu finden. Dabei hätten sie im Ruhestand die Chance, die „Schatztruhe der Kindheit zu öffnen“ und Versäumtes nachzuholen. Denn erstmals im Leben sind wir frei von Zwängen und müssen weder Schule noch Arbeitgeber gerecht werden.

Kunst des späten Gelingens

Das wohl wichtigste Kapitel in Schieles Buch ist das über „die Kunst des späten Gelingens“. Er will uns animieren, wertschätzend und versöhnlich Abschied vom bisherigen Karriereweg zu nehmen, in die Schatztruhe der Kindheitsträume zu greifen, auf die Lebenserfahrung zu bauen und sich der vielfältigen Kompetenz bewusst zu werden. Wer das Wort „Salutogenese“ noch nicht kannte, lernt es in Schieles Buch kennen – Salutogenese heißt nichts anderes, als Gesundheit aktiv zu pflegen, vorzubeugen statt nachzubehandeln. Und dazu gehört, sich seiner verbleibenden Lebenszeit bewusst zu werden und sie zu strukturieren – nach Jahren, Wochen und Tagen. „Akzeptieren Sie das Altern und gehen Sie souverän und selbstbestimmt damit um“, rät Schiele Ruheständlern. Schaff‘ dir deine neue Identität lautet der Impetus, sprich, gib‘ dir einen Schubs – und zwar nachhaltig. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Alpenüberquerung oder Tour de France?

Was das ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das kann ein Nord-Süd-Alpenquerung sein, die persönliche Tour de France, ein Buch oder eine neue Sprache. Oder wie wäre es mit Vorlesen im Kindergarten, mit Acrylmalerei oder dem Initiieren einer Bürgerbewegung. Vielleicht fällt da dem Einen oder Anderen Konstantin Weckers Lied „Sage nein ein. Da heißt es im Lied: „Ob als Penner oder Sänger, Bänker oder Müßiggänger, ob als Priester oder Lehrer, Hausfrau oder Straßenkehrer, ob du sechs bist oder hundert, sei nicht nur erschreckt, verwundert, tobe, zürne, misch dich ein – sage nein!“. Mitmischen ist wie eine Verjüngungskur.

Schiele macht Lust aufs aktive Altern, größer kann ein Kompliment kaum sein. Der Ruhestand ist Unruhestand – das ist unsere Aufgabe und unsere Chance.

Das Buch
„Rastlost im Beruf, ratlos im Ruhestand?“von Wolfgang Schiele.
Erschienen 2018 im Springer-Verlag, Heidelberg.
288 Seiten, Preis: 19,99 Euro
ISBN 978-3-662-56567-7
ISBN 978-3-662-56567-4

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

2 Comments

  1. Ratlos in den Ruhestand das muss nicht sein. Als Rentner hat man viel zu tuen. Das einzige Hindernis ist auf lange Sicht gesehen das niedrige Einkommen.. Daher ist es wichtig der RGD beizutreten um regelmaessig gegen die Rentendiktatur der Bundesregierung zu protestieren. Wenn dann noch Zeit und Geld uebrig bleiben darf auch noch gereist werden.Um das Reisen einfacher zu machen ist es gelegentlich noetig Fremdsprachenkenntnisse zu haben. Wer nach Italien faehrt sollte tutti Frutti kennen und wer nach Polen faehrt sollte sich mit Pivo bekannt machen. Also fuer einen Rentner gibt es immer was zu tuen auch wenn es aus reiner Not heraus nur das Sammeln von Pfandflaschen ist um genug Geld fuer den Lebensmittelladen zu haben. Es ist schon traurig genug dass man so viele Rentner sieht die sich Lebensmittel bei der Tafel holen muessen weil die Rente nicht ausreicht um Lebensmittel kaufen zu koennen. Wie schoen ist es da doch zu wissen dass nicht alle Deutschen ueber 65 Jahre alt Rentner sind. Es gibt auch die Pensionaere und die Politiker im Ruhestand. Die leben wie die Made im Speck. Nach 16 Jahren Anwesenheit im deutschen Bundestag wird der Abgeordnete a.D. mit Ruhestandsdiaeten von € 5481,- geehrt. So schoen kann Ruhestand in Deutschland sein.

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  2. Vielen lieben Dank, Helmut Achatz! Kaum hatte ich gestern Abend erschöpft meine Buchlesung absolviert (eine „Weltpremiere“ für mich persönlich und das Buch!!!), las ich diese ehrliche, wertschätzende und wunderbare Rezension über meinen Erstling! Da passte wieder alles zusammen: Der Applaus von 50 Zuhörern und die wohlwollenden Zeilen zu meinem Buch! An Tagen wie diesen …
    Allerbeste Grüße in den Süden der Republik! Und nochmals ein ganz ganz großes dankeschön!
    Ihr Wolfgang Schiele

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