Last Updated on 3. August 2020 by Helmut Achatz

Wer zu oft Gas gibt, bekommt irgendwann ein Problem. Das einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen, haben sich zwei Ärzte vorgenommen – und beschreiben „Das Parasympatikus-Prinzip“ und dessen Vorteile.

„Die ‚normale‘ Medizin ist in den meisten Bereichen eine ‚Reparaturmedizin‘“ – und da hat Ursula Eder Recht, eine der beiden Autoren des Buchs „Das Parasympathikus Prinzip“. Mal ehrlich, wir kümmern uns viel zu selten um unsere Gesundheit, denken schlicht nicht darüber nach, weil es ja nicht nötig ist. Erst wenn’s irgendwo zwickt und klemmt, wenn uns im wahrsten Sinn des Wortes, die Hexe ins Kreuz fährt oder uns etwas auf die Leber schlägt, fangen wir an, uns wahr zu nehmen. Vermutlich standen wir zu lange auf dem Gaspedal und haben das Bremsen vergessen.

Zu oft Gas geben schadet

Gerade aber Bremsen, zwischen durch mal inne zu halten, ist enorm wichtig, weil wir sonst verschleißen. Die beiden Ärzte, Ursula Eder und Franz Sperlich, haben das in ihrem Buch großartig beschrieben. Sie wählten zur Veranschaulichung das Auto mit Gas- und Bremspedal. Das Gaspedal steht dabei für den Sympathikus, das Bremspedal für den Parasympathikus. Die beiden sollten austariert sein, denn „gesund sein bedeutet, gut reguliert sein“, wie die beiden schreiben.

Eder und Sperlich haben sich noch einen Trick einfallen lassen, um die Leser möglichst persönlich anzusprechen – sie lassen „Dr. med. Parasympathikus“ zu Wort kommen. Er darf dann das Geschrieben kommentieren. Er ist immer dabei und steht „mit im Stau oder an der Supermarktkasse“. Er ist der Partner – und manchmal Gegenspieler – von Mr. Sympathikus, der beschleunigt, wenn es nötig ist. Beide sind wichtig, wenn aber der Beschleuniger die Oberhand bekommt, verschleißt das Auto schneller als nötig.

Be- und Entschleunigung im Lot

Eder und Sperlich beschreiben aber nicht nur das vegetative Nervensystem, das mit Sympathikus und Parasympathikus, für Be- und Entschleunigung zuständig ist, sondern geben auch Tipps, wie wir die beiden wieder ins Lot bringen, wenn der eine die Überhand bekommen sollte. Denn, Folge von zu viel Sympathikus ist Stress und Ressourcenabbau.

Normalerweise regulieren sich An- und Entspannung selbst. Aber gerade in der zweiten Lebensphase lässt die Regulationsfähigkeit nach. Deswegen ist es wichtig, sich über die Konsequenzen klar zu werden und „Dr. Parasympathikus“ zu verstehen – und zu trainieren.

Übrigens, wie es ihm geht, lässt sich messen – mit der Herzraten-Variabilität (HRV). Die Herzfrequenz ändert sich beim Atmen: Beim Einatmen steigt die Herzfrequenz, beim Ausatmen sinkt sie. Diese Anpassung heißt Herzfrequenzschwankung. Sie gibt Aufschluss, wie es dem Menschen geht.

Richtig Atmen ganz wichtig

Atmung spielt eine wichtige Rolle in unserem Leben. Atmen ist sowohl willkürlich und unwillkürlich. Somit können wir damit unser Wohlbefinden fördern – oder eben unser Unwohlsein. Optimierte Atmung ist deshalb eine wichtige Maßnahme, den Parasympathikus zu trainieren. Eder und Sperlich schlagen die Drei-„Ver“-Methode vor:

  • Ver-stehen
  • Ver-wirren
  • Ver-knüpfen

Beim Verstehen geht es darum, sich selbst zu beobachten und das ungünstige Verhalten wahrzunehmen; beim Verwirren geht es um das Ändern eines ungünstigen automatisierten Vorgangs, das Verknüpfen verbindet Verstehen und Verwirren, woraus sich ein neues optimiertes Verhalten entwickelt. Dr. Parasympathikus wird uns danken.

Atmen – das klingt so einfach, aber es kommt auf das richtige Atmen an. Eder und Sperlich stellen in ihrem Buch drei Techniken vor:

  • das kohärente Atmen
  • das stressreduzierende Atmen
  • das ayurvedische Atmen

Kohärentes Atmen heißt, pro Minute sechs Mal ein- und sechs Mal auszuatmen – jeweils fünf Sekunden ein und fünf Sekunden aus (5-5 x 6).

Stressreduzierendes Atmen legt mehr Wert auf das Ausatmen. Die Formel lautet dann: 3-6-1 x 6. Das heißt, drei Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen, eine Sekunde Atem anhalten – und das ganz sechs Mal pro Minute.

Ayurvedisches Atmen kombiniert kohärentes und stressreduzierendes Atmen. Die Formel lautet: 4-5-1, sprich vier Sekunden ein-, fünf Sekunden ausatmen, eine Sekunde Atem anhalten. Dabei Hand auf den Bauch und Hand an die Brust legen. Ideal ist es, Bauch- und Brustatmen zu kombinieren.

Wie sich das alles im Alltag durchhalten lässt, auch darauf haben die beiden Autoren eine Antwort: singen oder pfeifen, nur mal so als Beispiel.

“Probleme sind wasserlöslich”

Atmen ist das eine, Wasser das andere – denn, „Probleme sind wasserlöslich“, erinnern Eder und Sperlich uns. Das hat übrigens schon Sebastian Kneipp erkannt. Der „Wasserdoktor“ ist für seine Kaltwassertherapie bekannt geworden. Er ist der Namensgeber der Kneipp-Medizin und der Wasserkur mit Wassertreten und Wechselbädern. Ein Wechsel der Reize „bringt Bewegung ins System“, wodurch die vegetative Regulation gefördert wird, haben die beiden Autoren erkannt.

Es gibt freilich noch mehr Möglichkeiten, das Zusammenspiel von Gas- und Bremspedal zu trainieren, beispielweise Sport, Entspannungstechniken wie QiGong und Musik.

Das Buch ist garniert mit vielen, vielen Fallbeispielen, die veranschaulichen, was ein aus dem Lot geratenes vegetatives Nervensystem bedeutet.

Mein Urteil:

Lehrreich, informativ, verständlich und nachvollziehbar, im wahrsten Sinn des Wortes. Die Übungen und Tipps lassen sich leicht umsetzen und helfen wirklich weiter. Jeder kann etwas für seine Gesundheit tun – Salutogenese nennt sich das. Die meisten können ihre „Regulationsstarre“ lösen – das Buch ist dafür der Leitfaden. „Das Parasympathikus-Prinzip“ ist verständlich geschrieben und unterfüttert die Theorie mit vielen Beispielen aus der Praxis.

Ursula Eder, Franz Sperlich
176 Seiten
19,99 Euro
Gräfe und Unzer
ISBN-978-3-8338-7088-0

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

2 Comments

  1. Wenn man Kinder hat, dann kommt man “aus dem Gas geben” fast nicht mehr heraus. Seitdem ich Baby Nr. 1 gefolgt von Baby Nr. 2 aus dem KH nach Hause gebracht habe, gleicht mein Leben Stress pur….und es sind einem nur sehr wenige ruhige Pausen vergönnt. Ich freue mich schon darauf, mein Haus wieder nur für mich zu haben, wenn meine beiden Kinder (12 und 8) dann mit 19/20 Jahren ausziehen und ihr Leben hoffentlich selbständig bestreiten werden. Ich tue mein Möglichstes dafür…

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    1. Helmut Achatz 3. August 2020 at 16:44

      Dann ist das Buch doch ideal. Gibt’s übrigens auch als Kindle-Ausgabe. Noch zu empfehlen ist Buch “Simplify your life” von Lothar Seiwert und Tiki Küstenmacher.

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