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Wie in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Reichsbank druckt die Europäische Zentralbank (EZB) Geld ohne Limit. Zu den weit mehr als fünf Billionen Euro Bilanzsumme kommen im Rahmen des Pandemie-Notfallprogramms (PEPP) weitere 750 Milliarden Euro und Kredite in Billionenhöhe. Die Geldflut ist nicht mehr aufzuhalten.

Hyperinflation oder Währungsschnitt? Wer die wundersame Geldvermehrung der EZB betrachtet, fühlt sich automatisch in das Deutschland der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzt. Die Entwicklung damals könnte sich wiederholen.

Geldflut wie 1923

Zur Erinnerung: Im Laufe des Jahres 1922 wurden immer mehr Kredite notleidend und platzten. Unternehmen gingen Konkurs und immer mehr Menschen verloren ihre Stelle. Das Güterangebot sank, die Menschen konnten sich immer weniger leisten und verarmten. Mit dem „Ruhrkampf“ (Franzosen und Belgier besetzten das Ruhrgebiet, um die Lieferung ausstehender Reparationen zu erzwingen) stand die Industrieproduktion praktisch still. Um dem Entgegenzuwirken, druckte die damalige Reichsregierung 1922 und 1923 mehr und mehr Geld. Das Vertrauen in die Mark erodierte. Jeder versuchte, das wertlose Papiergeld möglichst schnell in Ware umzusetzen. Die Inflation ging vom Trab in den Galopp über – es kam zur Hyperinflation, die letztlich Millionen Deutscher enteignete, weil ihre Ersparnisse nichts mehr wert waren. Das mündete schließlich in einer Währungsreform.

Dieses Mal ist es nicht der „Ruhrkampf“, sondern das Coronavirus. Die Notenbank muss, anders als 1923, keine Geldscheine mehr drucken, sondern generiert Geld einfach am Rechner in beliebiger Höhe. Das ist noch viel einfacher als 1923. EZB-Chef Christine Lagarde, die Nachfolgerin von What-ever-it-takes-Vorgänger Mario Draghi gibt die Richtung vor. In ihrem Blog hat sie es genauer beschrieben: „Darum hat der EZB-Rat am Mittwoch ein neues Pandemie-Notfallankaufprogramm (Pandemic Emergency Purchase Programme PEPP – mit einem Gesamtumfang von 750 Milliarden Euro angekündigt, das bis zum Ende des Jahres zur Verfügung steht. Dies ist zusätzlich zu den 120 Milliarden Euro, die wir am 12. März 2020 beschlossen haben. Das sind zusammen 7,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des Euroraums. Das Programm ist eine vorübergehende Maßnahme mit dem Ziel, die beispiellose Situation zu bewältigen, in der sich unsere Währungsunion gerade befindet. Es steht allen Ländern zur Verfügung und bleibt so lange in Kraft, bis wir der Auffassung sind, dass die Coronavirus-Krise beendet ist.“

bilanzsumme-EZB

Die Bilanzsumme der EZB Quelle: Tagesgeldvergleich.net

Kredite in Billionen-Höhe

Damit nicht genug, die EZB stellt Banken Kredite bis zu rund drei Billionen Euro zur Verfügung. Die Banken werden geradezu genötigt, Kredite zu vergeben. Klar, dass sie bei der Kreditwürdigkeit ihrer Klienten nicht so genau hinschauen werden. Wie formuliert es Lagarde so schön: „Wir schätzen, dass die letzten beiden Runden entsprechender gezielter Geschäfte die Banken veranlasst haben, 125 Milliarden Euro  mehr an Krediten zu vergeben als ohne diese Fazilitäten.“ Die Kriterien werden gelockert, damit möglichst viele Kredite vergeben werden. Durch diese Maßnahmen werde es für die Banken attraktiver, Kredite an Kleinstunternehmen und Einzelunternehmer zu vergeben, die in der Regel einen weniger guten Zugang zu Krediten haben. Alles klar? Die EZB animiert Banken, auch weniger kreditwürdigen Kunden Kredite zu verkaufen.

Staatsfinanzierung ohne Limit

Damit immer noch nicht genug, die EZB kauft auch in großem Stil Anleihen von Staat und Unternehmen auf, egal,  ob die Tilgung gesichert ist oder nicht. „Dank unserem Pandemie-Notfallankaufprogramm (Pandemic Emergency Purchase Programme – PEPP) und unseren anderen Programmen zum Ankauf von Vermögenswerten können wir bis Ende des Jahres Anleihen in Höhe von mehr als einer Billion Euro erwerben.“ Der EZB wird auch künftiger nicht mehr unterscheiden und mehr Anleihen von weniger kreditwürdigen Staaten wie Italien und Griechenland kaufen. Im EZB-Deutsch heißt das, „… können wir den Schwerpunkt unserer Käufe flexibel setzen, was Anlageklassen und Länder betrifft“.

Auf gut Deutsch, es wird alles gekauft ohne Unterschied. Wer Kredite braucht, wird sie bekommen. Ob sie dann wieder zurückgezahlt werden, interessiert nicht.

“What ever it takes” 2.0

Lagarde setzt damit Draghis Politik des „What ever it takes“ fort. Irgendwelche Grenzen des Geldvolumens reißt sie ein. Jetzt kommt eine wahrhaft gigantische Geldflut auf uns zu. Wie sagt sie doch so schön im EZB-Deutsch: „In dem Maße, in dem einige selbst auferlegte Grenzwerte die Maßnahmen behindern könnten, die die EZB zur Erfüllung ihres Mandats ergreifen muss, wird der EZB-Rat erwägen, sie in dem Umfang zu überarbeiten, der erforderlich ist, um ihre Maßnahmen in einem angemessenen Verhältnis zu den Risiken zu halten, denen wir ausgesetzt sind. Die EZB toleriert keine Risiken für die reibungslose Übertragung ihrer Geldpolitik in allen Ländern des Euroraums.“ Das bedeutet „what ever it takes“ 2.o. Opfer ist das Vertrauen  in den Euro.

Noch scheint ein Szenario wie 1923 undenkbar, aber die Parallelen sind frappant. Moment hält noch der Ölpreis die Inflation niedrig, wenn sich die Ölländer aber einigen und der Ölpreis wieder steigt, könnte sich der schleichende Verlust des Geldwerts dramatisch  beschleunigen. Für die Altersvorsorge von Millionen von Rentner verspricht das nichts Gutes – die Altersarmut wird dann zum Massenphänomen.

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

5 Comments

  1. […] gesellschaftliche Hoffnungen und Tugenden nun in eine neue Runde? Ob Hyperinflation oder Corona – die […]

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  2. Ja, den Ausführungen/ Argumenten stimme ich grundsätzlich zu. Es kann und darf nicht ignoriert werden (obwohl Christine Lagarde als frühere Staatsverschuldungs-Finanzmiministerin von Frankreich es wohl gern so hätte), dass es gestern, heute und auf absehbare Zukunft r e a l unterschiedliche und konträre national-staatliche Interessen gibt. Weil erstens die gewählten (!) Regierungen/ Politiker primär ihren Wählern und Steuerzahlern gegenüber in der Pflicht stehen und zweitens eben auch 2020 keine annähernd übereinstimmenden/ ähnlichen Wirtschafts- und Sozialniveaus (Kaufkraft-Paritäten, Vermögen inkl. Immobilien pro Kopf, Bildungs- u. Fo.-Ausgaben pro Kopf, BIP pro Kopf usw.) der unterschiedlichen Euro-Staaten existieren!
    Wie schon 2011 der deutsche bzw. Deutsch-Banker Edgar Most aus Erfahrung in zwei Gesellschaftssystemen (“Sprengstoff Kapital”, 2011) erkannte, wurde mit Einführung des Euro – also einheitliche Währung für eigentlich gleich bzw. ähnlich sein sollende Niveaus – aus Ungleichem per politischem Willen (aber o h n e Volksbefragung wie z. B. in Dänemark) Gleiches gemacht. Das dass auf Dauer so nicht funktionieren kann, tritt jetzt in der “Corona-Wirtschaftskrise” noch deutlicher hervor als während/ nach nach der Finanz- u. Bankenkrise 2008/09.
    Ohne ein harmonisiertes, gemeinsames Euro- und EU-Steuer- und Finanzsystems werden die Interessengegensätze immer wieder und zunehmend zu Tage treten. Allen Beschwichtigungen und “Gießkannen-Geldausschüttungen” von M. Draghi/ Chr. Lagarde zum Trotz.
    Denn die Realität – dazu gehören auch Interessen-Widersprüche – lässt sich nicht einfach schönreden.

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    1. Helmut Achatz 20. April 2020 at 18:49

      Danke für den Kommentar

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  3. Barbara Cada 20. April 2020 at 9:58

    Danke für diesen sehr guten Artikel

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    1. Helmut Achatz 20. April 2020 at 11:04

      Das freut mich. Es war mir ein Bedürfniss, die Zusammenhänge zu klären. Jeder kann diese Daten selbst nachprüfen: Die Zahlen sind öffentlich, wenn auch nicht leicht bei der EZB zu recherchieren. Die EZB versteht es geschickt, ihr Tun hinter Abkürzungen zu verbergen, damit es die große Masse nicht begreift. Ausbaden werden wir es alle.

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