Heute drei, morgen Dutzende – Pensionskassen kommen wegen der Nullzinspolitik von EZB-Chef Mario Draghi in die Bredouille. Leidtragende sind deutsche Betriebsrentner, deren Altersvorsorge gefährdet ist.

Es knirscht vernehmlich im Gebälk der Pensionskassen. Erst Anfang Dezember verbot die Finanzaufsicht Bafin der Pensionskasse der Caritas das Neugeschäft, weil der Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, so die Rechtsform, die Solvabilitätskapitalanforderung nicht erfüllt und sich weigert, sein Geschäft nachhaltig zu sanieren. Das lässt darauf schließen, dass die Pensionskasse auf Dauer ihren Verpflichtungen den Betriebsrentnern gegenüber nicht mehr nachkommen kann. Kein Wort davon auf der Homepage der Kölner, die nur mitteilen, dass der bisherige Chef Christof Heinrich geht und Olaf Keese seinen Posten übernimmt.

Pensionskassen in der Bredouille

Beschäftigte von Kirche und Caritas, deren Betriebsrente über die Pensionskasse läuft, müssen sich auf Einbußen gefasst machen. Wie der Verein selbst schreibt (in der Pressemitteilung über den Wechsel des Vorstandsvorsitzenden), die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Kasse führe dazu, „dass eine Herabsetzung der Leistungen im Raum steht“. Kein Wort, was das konkret bedeutet. Die Pensionskasse der Caritas ist allerdings nicht die einzige, die Betriebsrenten kürzen wird, auch deren Schwester, die Kölner Pensionskasse, kränkelt und darf schon seit September kein Neugeschäft mehr ankurbeln.

Nullzinsphase belastet

Der Dritte im Bunde ist die Deutsche Steuerberater-Versicherung, die Pensionskasse der steuerberatenden Berufe. Ganz versteckt auf ihrer Homepage stellt die Pensionskasse fest, dass für 2017 annähernd 18 Millionen Euro fehlen und die  „Solvabilitätskapitalanforderung nicht mehr bedeckt ist“ – und für 2018 droht ebenfalls eine Unterdeckung.

Das sind momentan drei von 136 Pensionskasse mit 9,25 Millionen Versicherten, die Probleme haben, aber es werden sicher mehr werden, denn die Nullzinsphase ist ja längst nicht zu Ende. Wenn die Träger keine Mittel nachschießen, wird es eng und die Pensionskassen müssen Leistungen kürzen und Beiträge erhöhen. Der „Versicherungsbote“ schreibt: „45 der aktuell 137 deutschen Pensionskassen stehen unter erweiterter Aufsicht der BaFin, so berichtete kürzlich die Bundesregierung; und Chefaufseher Frank Grund wählte die Probleme der Anbieter als Schwerpunkt der jüngsten BaFin-Pressekonferenz in München“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Anleihen bringen nichts mehr

Ursache ist die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) unter ihrem Chef Mario Draghi. Da den Pensionskassen bei der Anlage die Hände gebunden sind, haben sie ihr Vermögen von rund 164 Milliarden Euro weitgehend in Anleihen gesteckt – nur bringen die immer weniger. Die gutverzinsten Alt-Anleihen laufen langsam aus und für neue gibt’s keinen Zins mehr. Ausbaden müssen es die Betriebsrentner.

Andere Träger haben es erst gar nicht so weit kommen lassen und schossen Geld nach, darunter BASF, der seine Pensionskasse mit 317 Millionen Euro versorgteFondsprofessionell zufolge braucht auch die Baden-Badener Pensionskasse eine Geldspritze – die BBP ist die Pensionskasse von ARD, Deutschlandradio und Deutscher Welle. Der Nachschuss wird sich wohl letztlich auf die Rundfunkgebühr auswirken, denn es ist die Rede von einem Nachschuss in dreistelliger Millionenhöhe.

Rentenfaktor nach unten korrigiert

Damit nicht genug, schon in den vergangenen Jahren hat sich die Nullzinspolitik Draghis auf den Rentenfaktor der Pensionskassen ausgewirkt. Dem „Versicherungsboten“ zufolge hat „mehr als jede sechste Pensionskasse in den letzten zehn Jahren ihre Verrentungsfaktoren zu Ungunsten der Versicherten nach unten korrigiert“. Die Größte Pensionskasse ist, sprich die BVV Versicherungsverein für das Bankgewerbe, hatte dem Tagessspiegel“ zufolge bereits zum 1. Januar 2017 ihre Rentenzusagen um gut 24 Prozent deutlich nach unten korrigiert. Ein niedrigerer Rentenfaktor bedeutet niedrigere Betriebsrenten. Was ist der „Rentenfaktor“: „Damit der Versicherer eine Garantie für die Rentenzeit geben kann, kalkuliert er die Rentenhöhe in Bezug auf ein fiktiv angespartes Kapital – in der Regel je 10.000 Euro“, erklärt das Verbraucherportal des Gesamtverbands der Versicherer.

Die größten Pensionskassen in Deutschland

Versicherung Versicherte 
Anlagevolumen in Mio. EuroAnwärterRentner
BVV Versicherungverein des Bankgewerbes28540351661114367
Allianz PK AG1191685821323008
Bayer-Pensionskasse89794276556635
BASF Pensionskasse81899441751220
Hoechst-Gruppe PK73794469753833
ZVK Bau AG58691143300358308
Hamburger PK von 1905582767623153114
Sparkassen PK AG49003615378686
Degussa-Hüls PK45424200524292
Allianz Vorsorgekasse44124968725276
ERGO PK41084603817458
Pro bAV Pensionskasse AG32212549552287
R+V Pensionsvers.30324492118988
VBL*286236801826646
Neue Leben PK23491484993112
Generali Deutschland23461637512360
R+V Pensionskasse23121589163600
Hamburger Pensionsrück20907897916512
Wacker Chemie PK2072172728234
Gothaer PK20283238124242
* Die Angaben beziehen sich nur auf den von der BaFin beaufsichtigten Teil der freiwilligen Versicherung.

Quelle: Bafin

Alles in allem also schlechte Nachrichten für Betriebsrentern, die in einen Pensionskasse einzahlen.

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

3 Comments

  1. […] nicht länger erfüllt und sich weigerte, sein Geschäft nachhaltig zu sanieren. Die Pensionskasse schaffte es nicht mal, ihren Geschäftsbericht für 2017 zu veröffentlichen – ein schlechtes Zeichen. Es war wohl damals schon klar, dass sie auf Dauer ihren Verpflichtungen […]

    Antworten

  2. […] geht. Die ARD-Pensionskasse, sprich die Baden-Badener Pensionskasse, ist wegen der Nullzinspolitik des EZB-Chefs (Europäische Zentralbank) Mario Draghi in Schieflage geraten. Ihr fehlen mittelfristig zwei Milliarden Euro. Das sollen die Beitragszahler ausgleichen. Jetzt […]

    Antworten

  3. Hallo Herr Achatz

    Ihr Beitrag hat eine ausgesprochen existentielle Bedeutung, vor allem für die Rentner von Morgen und Übermorgen.
    Hinter diesen bedenklich wirkenden Nachrichten können sich nach meiner Meinung dramatische Abläufe für die Zukunft verbergen.

    Es war zu erwarten, dass eine solch gefährliche Belastung für Pensionskassen und ähnlichen Einrichtungen eintritt, als finanzpolitisch mit Niedrigzinsen gegen die Finanzkrise gesteuert wurde.

    Der Beginn dieser Politik ist inzwischen 10 Jahre her.

    Viele Pensionskassen wurden erst in den 2000er Jahren gegründet, als die sogenannte Förderung durch Beitragsfreiheiten gem. §§ 40 b oder 3.63 EStG politisch in den öffentlichen Vordergrund rückte. Der segenreiche Finanzmarkt haucht lässig alle Renten-Probleme weg – das ist offenbar bis heute die politische Vorstellung.

    Es entstanden Einrichtungen wie die Metallrente usw.

    Was vielen hier schon nicht klar ist, dass solche Einrichtungen erhebliche Gründungskosten verursachen.

    Diese müssen erst einmal kompensiert werden. Anfang der 2000er Jahre rechnete man nach meiner Recherche noch mit durchschnittlichen Renditen von 5,8%. Mit welchem Zins rechnet man seit der Finanzkrise (bereits 10 Jahre)?

    Was ergibt sich daraus konkret für die zukünftigen Rentner?

    Der sogenannte Rentenfaktor ist in dieser Frage leider nicht wirklich hilfreich. Ereignet sich allenfalls für einen direkten Vergleich, sofern ein Vergleich auch zulässig ist. Das ist nämlich dann nicht der Fall, wenn in dem Rentenprodukt auch biometrische Risiken abgedeckt werden sollen. Biometrische Risiken sind zum Beispiel Todesfallzahlungen, Berufsunfähigkeitsrenten oder Hinterbliebenenrenten.

    Würden wir den Kapitalstock für eine reine Lebensrente isoliert betrachten können, so hätten wir praktisch immer noch keine Einsicht, wie Versicherungsunternehmen die Deckungsstöcke aufteilen und die Garantien sichern. Hier beginnt bereits das Problem. Die inneren Kalkulationsabläufe werden von den Aktuaren als Geheimnis streng gehütet.

    Dennoch könnten Finanzprofis eine effektive Gesamtrendite (interner Zins) errechnen, wenn der gesamte Zahlungsfluss datiert und der Wert der amtlichen Sterbetafel als neutrale Messlatte vorliegen würde.Bei Nennung des datierten Barwertes könnten Spar- und Rentenphase mit den jeweiligen Renditen differenziert werden.

    Hierbei könnte eine bittere Wahrheit zum Vorschein kommen. (!)

    Die fortlaufenden Vertriebs- und Verwaltungskosten zuzüglich der Erwerbskosten für Anlagen könnten die mageren Zinseinnahmen auffressen.

    Das bedeutet, die Betriebsrenten könnten flächendeckend auch ohne Krankenkassenbeiträge oder Steuerabzüge enorm zum Minus sparen werden. (!)
    Vielleicht ist sie das in vielen Fällen sogar schon.

    Anstatt diese riskante kostspielige Rentenprivatisierung grundlegend zu überdenken, legen unsere so „achtsamen Fachpolitiker“ eins drauf:

    Mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz werden keine Betriebsrenten gestärkt, sondern einfach die Anlage – Regeln gelockert und der Arbeitgeber gezwungen 15% Geld drauf zu hauen, damit die doppelte Verbeitragung der Krankenkasse in etwa kompensiert ist. – Ökonomischer Schwachsinn, denn es kommt am Ende eh aus dem selben Topf. Das wird man bei den nächsten Tarifverhandlungen merken.
    Als Belohnung dafür wird der Arbeitgeber von Haftungen freigestellt.
    (Kursorisch dargestellt.)

    Schon ist frischer Lack auf dem maroden Gerippe.

    Für mich sieht das aus wie ein Deal auf der Bahnhofstoilette – ziemlich schmutzig!

    Die Arbeitnehmer reden in Zukunft im „Sozialpartnermodell“ praktisch nicht mehr mit, wenn der Lohn umgewandelt wird.
    Das wird zwischen Arbeitgeber und letzten Endes dem Finanzinstitut unter dem Label der Gewerkschaften beschlossen.

    Wenn diese Dinger reihenweise platzen, dann winkt der hoffnungsvolle Rentner dem Geld hinterher und kann keinen mehr zur Rechenschaft ziehen.

    Ich erinnere mich an die Worte von Peer Steinbrück, der in der Finanzkrise und oft danach sagte, “[…] es müssen endlich wieder Verantwortung und Haftung unter einen Hut gebracht werden […]“

    „Super gelungen“, Frau Nahles!

    Aber eines verstehe ich leider nicht:

    Wieso treibt man das Renten-Vermögen der Arbeitnehmer undurchschaubar durch fremde Hände in den Finanzmarkt, während man die Leit-Zinsen ruinös niedrig hält, vor lauter Angst, genau dieser Finanzmarkt könnte platzen???

    Antworten

Kommentar verfassen