Deutschlands Gesundheitssystem – teuer und ineffizient

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Deutschland hat weltweit das dritt teuerste Gesundheitssystem – deswegen sind die Deutschen aber nicht gesünder oder leben länger als andere. Das heißt im Umkehrschluss, unser System ist hochgradig ineffizient.

2022 sind die Ausgaben für Gesundheit laut Statistischen Bundesamtes (Destatis) um 12,9 Prozent auf 498,1 Milliarden Euro gestiegen. Das heißt, wir haben annähernd eine halbe Billion für Medikament, Ärzte und Krankenhausaufenthalte ausgegeben. Das System läuft aus dem Ruder. Gemessen an der Wirtschafts­leistung habe Deutschland damit von allen 27 EU-Staaten den höchsten Anteil für sein Gesundheitssystem ausgegeben. Der Etat des Gesundheitsministers hat sich binnen drei Jahren vervierfacht. Wo führt das noch hin?

Deutschlands Gesundheitssystem

Sind wir deswegen gesünder geworden? Mitnichten. Unser Gesundheitssystem ist hochgradig ineffizient. Von Digitalisierung ist kaum etwas zu bemerken. Der bürokratische Wasserkopf verschlingt Milliarden. Ist das nur ein Gefühl oder lässt sich das in Zahlen ausdrücken? Wie wäre es denn mal mit einem Vergleich von Lebenserwartung und Kosten pro Kopf? Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat vier Indikatoren in 38 Ländern miteinander verglichen. Die Lebenserwartung ist einer davon, neben „vermeidbarer Sterblichkeit”, “Übergewicht” und „Selbsteinschätzung in punkto Gesundheit“. Letztere drei Faktoren wirken sich wiederum auf die Lebenserwartung aus.

Wo steht Deutschland? Deutschland gibt laut OECD mit 8011 Dollar (in Kaufkraft gewichtet) pro Kopf und Jahr deutlich mehr aus als die allermeisten Länder, lediglich die USA (12.555 Dollar) und die Schweiz (8049 Dollar) geben noch mehr aus. Leben wir deswegen länger als die meisten Einwohner in anderen Ländern? Jein. Sind wir gesünder? Jein.

Gesundheitsausgaben in OECD-Ländern

Länder Ausgaben pro Kopf $% BIPÄrzte/1000 EwSchwestern/1000 EwBetten/1000 Ew
Australia 6 3729.64.012.83.8
Austria7 27511.454.010.66.9
Belgium 6 60010.93.311.15.5
Canada6 31911.22.810.32.6
Czech Republic 4 5129.14.39.06.7
Denmark 6 2809.54.410.22.5
Estonia3 1036.93.46.54.4
Finland5 59910.03.618.92.8
France 6 63012.13.29.75.7
Germany 8 01112.74.512.07.8
Greece3 0158.66.33.84.3
Hungary2 8406.73.35.36.8
Iceland5 3148.64.415.02.8
Ireland6 0476.14.012.72.9
Israel3 444 7.43.45.42.9
Italy4 2919.04.16.23.1
Japan5 25111.52.612.112.6
Latvia3 4458.83.44.25.2
Lithuania 3 5877.54.57.96.1
Luxembourg6 4365.53.011.74.1
Netherlands6 72910.23.911.43.0
Norway7 7717.93.418.33.4
Poland2 9736.76.05.76.3
Portugal4 16210.63.77.43.5
Slovak Republic 2 7567.83.357.05.7
Slovenia4 1148.84.510.54.3
Spain4 43210.44.36.33.0
Sweden 6 43810.74.410.72.0
Switzerland8 049 11.32.218.44.4
Türkiye1 827 4.33.22.83.0
United Kingdom5 493 11.32.78.72.4
United States 12 55516.63.712.02.8
OECD4 9869.23.79.24.3

Angaben in US-Dollar Quelle: OECD

Das Missverhältnis zwischen Ausgaben und Lebenserwartung ist offensichtlich: Wir werden im Schnitt laut OECD 80,8 Jahre alt und geben dafür jährlich mehr als 8000 Dollar aus. Das daraus abgeleitet Verhältnis liegt bei 99,1. Nur die USA weisen mit 164,3 ein noch schlechteres Verhältnis aus. Die Amerikaner geben weit mehr für Gesundheit aus und leben mit 76,4 Jahren im Schnitt vier Jahre kürzer als die Deutschen. Spitzenreiter in punkto Lebenserwartung ist Japan: Japanerinnen und Japaner werden 84,5 Jahr alt. Auf ein ähnlich stolzes Alter kommen in Europa nur die Schweizerinnen und Schweizer mit 83,9 Jahren – drei Jahre mehr als die Deutschen. Die Ausgaben von 8049 Dollar spiegeln sich also in einer höheren Lebenserwartung wider, was bei den Deutschen nicht der Fall ist. Besonders günstig ist das Verhältnis Gesundheitsausgaben/Lebenserwartung mit 53,2 in Spanien. Die Spanierinnen und Spanier leben im Schnitt mit 83,3 Jahren zweieinhalb Jahre länger als die Deutschen geben aber deutlich weniger für Gesundheit aus.

Kosten-Nutzen von Gesundheitssystemen

Länder Ausgaben pro Kopf $Lebensewartung JahreAusgaben/Lebenserwartung
Australia 637283.376.5
Austria727581.389.5
Belgium 660081.980.6
Canada631981.677.4
Czech Republic 451277.258.4
Denmark 628081.577.1
Estonia310377.240.2
Finland559981.968.4
France 663082.480.5
Germany 8011 80.8 99.1
Greece301580.237.6
Hungary284074.338.2
Iceland531483.263.9
Ireland604782.473.4
Israel344482.641.7
Italy429182.751.9
Japan525184.562.1
Latvia344573.147.1
Lithuania 358774.248.3
Luxembourg643682.777.8
Netherlands672981.482.7
Norway777183.293.4
Poland297375.539.4
Portugal416281.551.1
Slovak Republic 275674.636.9
Slovenia411480.751.0
Spain443283.353.2
Sweden 643883.177.5
Switzerland804983.995.9
Türkiye182778.623.2
United Kingdom549380.468.3
United States 1255576.4164.3
OECD 4986 80.3 62.1

Quelle: OECD

Das Beispiel Spanien zeigt, dass höhere Gesundheitsausgaben nicht zwangsläufig in einer höheren Lebenserwartung resultieren. Es kommt eben darauf an, wie effektiv das Geld ausgegeben wird, um die Gesundheit zu erhalten oder Krankheiten zu heilen. Deutschland geht offensichtlich nicht besonders effektiv mit den Mitteln um.

Gesundheitsausgaben mehr als verdoppelt

Ineffizienz, Geldverschwendung und überbordende Ansprüche sowie mangelnde Kontrolle treiben die Gesundheitsausgaben in die Höhe. Binnen 20 Jahren haben sich die Gesundheitsausgaben auf insgesamt 500 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Das System ist völlig aus dem Ruder gelaufen – und es gibt zurzeit niemand, der es wieder in ein ruhigeres Fahrwasser steuert. Gesundheitsminister Karl Lauterbach fällt nur ein, die Beiträge in der Kranken- und Pflegeversicherung zu erhöhen. Die nächste Erhöhung des Zusatzbeitrags steht bereits 2024 an.

Digitalisierung unterentwickelt

Offensichtlich kümmert es auch niemand, wenn wir immer mehr Geld für Gesundheit ausgaben, aber deswegen nicht gesünder werden. Den Kassen ist es egal, denn, wenn das Geld nicht reicht, werden die Beiträge erhöht. Die Ärzte fordern mehr Geld – und bekommen es auch. Die Digitalisierung ist im Vergleich zu anderen Ländern in den Kinderschuhen. Es scheint, dass niemand diese Geldverschwendung stoppen kann. Problem ist nur, dass das Geld an anderer Stelle fehlt, erinnert sei nur an Infrastruktur und Bildung.

Dr. Uhrenholt-Heindl, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in Kopenhagen beschreibt im MDR, woran es bei uns hapert:

Als ich noch in Deutschland gearbeitet habe, habe ich Stunden damit verbracht, Arztbriefe zu schreiben. In Deutschland läuft das so: Da liest sich ein Assistenzarzt die handschriftlichen Notizen durch, welche bei den Visiten gemacht wurden und der Arzt muss dann daraus in ein Dokument, einen zwei- bis dreiseitigen Arztbrief schreiben. In Dänemark dauert eine Entlassung fünf bis zehn Minuten und in Deutschland gehen alleine da Stunden drauf, wenn man das mal zusammenrechnet. Hier werden die Vitalparameter eines Patienten automatisch ins Computersystem übertragen, zum Beispiel der Blutdruck. In Deutschland passiert das teilweise noch per Hand, da werden noch Kurven gezeichnet. Und der Computer erkennt dann auch sofort Tendenzen, warnt zum Beispiel automatisch, wenn ein Wert nicht stimmt. Da geht es dann ja auch um das Leben der Patienten. Das ist für mich fast schon ein Kulturschock, wenn ich aus Dänemark, dem digitalisierten Land, mal zurück nach Deutschland komme.

Dabei könnte eine gelungene Digitalisierung laut OECD die Leistung und das Ergebnis deutlich verbessern. Aber Deutschland steckt in punkto elektronischem Rezept und elektronischer Patientenakte immer noch in den Kinderschuhen.

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Helmut Achatz

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