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Mit der gesetzlichen Rente allein lässt sich der Lebensstandard nicht halten – Zusatzvorsorge ist nötig. Dafür aber müssen die Jungen frühzeitig anfangen zu sparen und ab und an mal auf etwas verzichten. Impulskontrolle nennt sich das. Und was hat das jetzt bitte schön mit weiß-blau zu tun?

Weiß-blau – so sieht ein Eisbecher aus mit Kokos-Curaçao-Eis plus Sahne. Umso stimmiger, wenn der Eisbecher einen blauen Fuß hat. Ein kulinarischer Traum, der sich nur noch durch einen Espresso toppen lässt. Das Ganze für 5,85 Euro. Statt Eisbecher könnte es natürlich auch ein Cocktail Margarita, Mai Tai oder White Lady sein – alles schön mit Curaçao.

Genuss statt Geld – gönn‘ dir was

„Gönn‘ dir was!“, heißt die Devise. Das Leben ist zu kurz, um es nicht in vollen Zügen zu genießen. Außerdem, was sind schon 5,85 Euro? Geld wird überschätzt. Was zählt ist Genuss, das Leben ist schon hart genug.

Okay, 5,85 Euro mal zwölf sind schon 70,20 – ganz abgesehen davon, dass es ja nicht bei einem Eisbecher bleibt, dazu kommt vielleicht ein Aperol Spritz, ab und an mal ein Weißbierchen … Am Ende des Monats sind so aus 5,85 Euro locker mal 50, 60 oder 70 Euro geworden. Einfach so durch die Speiseröhre verschwunden – und du wunderst dich, wo das Geld geblieben ist.

Was soll das heißen? Kommt jetzt der Wink mit dem Zaunpfahl? Mit dem Geld ließe etwas Besseres anstellen – sparen vielleicht? Nur wo bliebe dann der Spaß am Leben?

Bier aus dem Kasten statt in der Kneipe

Na ja, irgendwie schon. Zumindest sollen die Zeilen zum Nachdenken anregen – nachdenken worüber? Über lieb gewordene Gewohnheiten. Klar, wer auskömmlich verdient, denkt vielleicht nicht darüber nach, wenn er hier mal ein paar Euros für einen Eisbecher ausgibt oder für ein schnelles Feierabend-Bier. Aber das Feierabend-Bier zuhause gekippt, kostet eben keine 3,50 oder teilweise sogar 3,90 Euro, sondern nur 85 Cent. Das gleiche gilt natürlich für den Cappuccino und den Eisbecher. Du sparst also 2,65 Euro bei jedem Bier – beim Eisbecher dürfte es sicher noch mehr sein.

Mit ein bisschen Impulskontrolle – und dem Verschieben deiner Bedürfnisbefriedigung auf später – könntest du locker 50 Euro pro Monat zur Seite legen, ach was heißt 50 Euro, es könnten sogar mehr sein. Ganz abgesehen davon, dass dein Leben nicht immer „to go“ funktionieren muss. Entschleunigung als Alternative? Warum nicht!

Altersvorsorge ist uncool

Also kommt jetzt doch der Verweis auf die Altersvorsorge? Ja! Die Kokos-Curaçao-Eisbecher, auf die du in jungen Jahren verzichtest, vervielfachen sich im Laufe der Jahre, vorausgesetzt du investierst das gesparte Geld optimal.

„Ach komm‘, hör‘ mir auf mit Altersvorsorge!“, wirst du jetzt vielleicht sagen – „klingt uncool“. Kann gut sein, aber aus deiner Entscheidung heute, folgt, ob du mit 63 Jahren in Rente gehen kannst oder eben erst mit 67, weil die gesetzliche Rente nicht reicht – und sie wird nicht reichen. „Es ist ein Mythos, dass sich der Lebensstandard durch die gesetzliche Rente halten lässt“, warnt Rentenexperte Bernt Rürup. Wer sich im Alter nicht deutlich einschränken wolle, müsse also zusätzlich vorsorgen, so sein Credo, wie er es in „compass“, dem Kundenmagazin von Comdirect formuliert. Die Rentenexpertin und Buchautorin Helma Sick („Ein Mann ist keine Altersvorsorge“) bläst bei „jetzt“ ins gleiche Horn:

Natürlich seien junge Leute keine Großverdiener. Aber es stimme einfach nicht, dass sie kein Geld hätten. Coffee to go, Fast Food, Fitnessstudiobeiträge, Maniküre, Waxing, Krimskramsläden, Drogerieeinkäufe – oft gebe man viel mehr Geld aus als nötig. Man solle sich bei allem, was man überlegt zu kaufen, fragen: Ist das jetzt ein Must have oder nur Nice to have? Dinge der zweiten Kategorie könne man sich sparen. Man dürfe sie sich schon mal gönnen, aber eben nicht ständig. Jeder könne eine Summe zwischen 50 oder 100 Euro im Monat zurücklegen, davon ist Sick überzeugt.

Klar, 50 Euro pro Monat ist nicht die Welt – es könnte aber ja auch mehr sein. Übrigens sind 50 Euro pro Monat aufs Jahr gerechnet immerhin 600 Euro. Was lässt sich damit anfangen? Angenommen, du legst noch was drauf, dann lassen sich aus den 600 Euro locker tausend draus machen.

Wie seinen Eisbecher-Standard halten?

Tausend Euro pro Jahr, das sind in zehn Jahren 10 000 Euro, in 20 Jahren 20 000 Euro – nominal wohlgemerkt, denn real sind diese 20 000 Euro in 20 Jahren bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 1,5 Prozent nur noch 14 850 Euro wert. Anders ausgedrückt, dein Kokos-Curaçao-Eis plus Sahne mit Espresso kostet dann keine 5,85 Euro mehr sondern 7,88 Euro. Dann denkst du vielleicht wehmütig an 2017 zurück. Für deine 20 000 Euro bekämst du dann nur noch 2538 Eisbecher, heute sind es noch 3418.

Eigentlich hast du nur eine Chance, deinen Eisbecher-Standard zu halten: Du investierst richtig – mit sparen kommst du leider nicht weit. Übrigens, was das Wort „eigentlich“ betrifft – du kannst natürlich auch uneigentlich reich heiraten, etwas erben oder sonst wie zu Geld kommen. Dann sind die kommenden Zeilen hinfällig

Besser reich heiraten als sparen?

Wenn jedoch nicht, dann musst du dich wohl mit dem Thema Investieren befassen, willst du dir auch im Alter den einen oder anderen weiß-blauen Eisbecher oder Cocktail können. Rentenexperte Rürup deutet schon mal an, was du anstellen musst, um dir im Alter etwas zu gönnen: „Je jünger, desto mehr Aktien, aber bitte breit gestreut!“.

Tja, „breit gestreut“, klingt gut – und heißt nicht, möglichst viele Einzelaktien zu kaufen. A propos Aktien, sind die nicht casino-mäßig gefährlich? Die Börse ist kein Casino, denn langfristig – und die Betonung liegt auf „langfristig“ – bringen Aktien je nach Land und Börse zwischen fünf und neun Prozent Rendite pro Jahr. Aber zurück zu den Aktien und dem Breit-Streuen. Das geht natürlich am besten, in dem du gleich einen ganzen vorkonfektionierten Korb kaufst, so etwas wie den Dax oder den S&P 500, einen Index also. Und diesen Index kannst du kaufen – nennt sich dann Indexfonds oder ETF (Exchange-Traded Fund).

In 20 Jahren 43 400 Euro

Also zurück zu deinem Eisbecher plus Espresso, auf den du verzichtest und den 1000 Euro Einsparung im Jahr – das macht auf den Monat umgerechnet 83,33 Euro. Runden wir auf 85 Euro auf und denken wir 20 Jahre in die Zukunft. Nehmen wir weiter an, du erzielst mit einem ETF-Sparplan durchschnittlich sieben Prozent Rendite pro Jahr – und das 20 Jahre lang. In einigen Jahren wird es weniger sein, in anderen Jahren mehr, deswegen der Durchschnitt. In 20 Jahren hast du bei 85 Euro im Monat insgesamt 20 400 Euro selbst gespart, dazu kommt ein Plus von 23 000 Euro – macht zusammen 43 400 Euro. Übrigens, die sieben Prozent sind eher pessimistisch angesetzt: Der Dax schaffte in den vergangenen 20 Jahren acht Prozent, der amerikanische Akienindex S&P 500 annähernd siebeneinhalb Prozent, der MDax sogar zehn Prozent. Wie wäre es denn, zwei ETFs zu kombinieren – auch das ist keine Hexerei.

Je jünger, desto mehr Aktien

Im Alter könntest du dir über zehn Jahre pro Monat 360 Euro selbst auszahlen, bis dein Eisbecher-Einspar-Vermögen aufgezehrt ist. Mit dem Geld lässt sich natürlich auch etwas Anderes anstellen, beispielsweise eine Weltreise finanzieren.

Wie gesagt, je jünger du bist, desto mehr Aktien dürfen es sein: Beim S&P 500 sind die Aktien der 500 größten US-Unternehmen gebündelt, beim MDax sind es 50 Firmen aus der zweiten Reihe – beide zusammen genommen repräsentieren somit 550 Unternehmen. Das Risiko ist also breit gestreut – nicht nur regional, sondern auch in punkt Währung und Branchen.

Also, worauf noch warten? Wenn nicht jetzt, wann dann.


Ironblogger München Logo

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Dieser Artikel ist mein Beitrag zur diesjährigen Blogparade der Münchner Ironblogger – übrigens nicht die erste ihrer Art. Dieses Mal geht es um das Thema weiß-blau oder blau-weiß. Vor mir schrieb Matthias J. Lange über „Wie das Playmobil-Reporterset 3468 meinen Berufswunsch beeinflusste“. Am Donnerstag, den 20. April ist Lutz Prauser mit seinem Blog „wasserfrosch“ dran. 

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

2 Comments

  1. weiter oben in Ihrem gut gemeinten und wohl durchdachten Apell an die Jugend, steht die Vokabel „eigentlich“. Eigentlich haben Sie wirklich recht mit dem, was Sie sagen bzw. schreiben. Eigentlich habe ich „Alter“ nix mehr hinzuzufügen, weil eigentlich alles auf den Punkt gebracht ist: NUR: wir erinnern uns an die Zeiten, als wir jung waren. OK, zugegeben…es ist schon ein bissl her, die Zeiten waren andere und dennoch die gleichen. Nach der Ausbildung, dem Studium oder wie auch immer hatten wir (fast) alle keine Kohle im Überfluss. Was stand auf der Agenda: die 1. eigene Wohnung, die Anschaffung von Kühlschrank, Bett und Radioanlage etc. Mühsam kam irgendwann das damals noch favorisierte eigene Auto dazu. Schon wieder keine Kohle mehr übrig….Da kam der Partner dazu. „Man(n) wollte sich ja nicht lumpen lassen und zeigte sich nach Möglichkeiten spendabel…. Dann kamen die Kinder….Wieder keine Kohle im Überfluss.. Das Blöde ist nur, heute sieht es nicht anders aus. Zumal unsere Kids, die nun auch Mitte zwanzig sind, nicht mehr die „Nachkriegsgene“ in sich tragen. Wir leben im heute, hier und jetzt und kümmern uns nicht um morgen, schon gar nicht um über, übermorgen…. Das hat auch unbedingt was Gutes. Umgeben von dieser jungen Spezies, stoße ich auch immer wieder in Ihr „Horn“ und appelliere an die Einsicht, selbst für das Alter vorzusorgen. In der Tat, ist ein diversifiziertes, internationales Aktienportfolio mit soliden Dividendentiteln die sicherste Altersvorsorge. Problem: wenn Sie zum einen in diesem Alter kein, oder wenig überflüssiges Flüssiges haben und zum Anderen nicht unbedingt „Börsenblut“ in ihren Adern fließen haben, kommt ihnen diese Altersvorsorge trotz aller wissenschaftlich historischen Belege ziemlich riskant vor. Außerdem ist da immer noch die verständliche Versuchung, das Depot zu plündern, wenn eines Tages die Notwendigkeit oder Lust auf eine gerade dann anstehende Investition aufkommt. Zu guter letzt: die „Jugend“ ist außerdem sensibel und traut der Börsenzockern nicht. 2008 hat diese Jugend oder jungen Erwachsenen zusätzlich vorsichtig gemacht. Sie sehen sich – nicht zu unrecht – als kleine Rädchen im Getriebe, die durch die großen Zockerräder möglicherweise um ihr Hab und Gut gebracht werden könnten. Wohl an: die Altersvorsorge bleibt brisant, zumal wir Alten auch keine gesicherten Altersrückstellungen für unsere Kinder und Kindeskinder mehr anlegen können, da die etablierten Lebens- und Rentenversicherer auch auf dem Zahnfleisch gehen.

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    1. danke für den ausführlichen Kommentar. Deswegen habe diese kleinen Appell auch mit viel Humor geschrieben. Nur, anders als heute brauchten wir uns damals auch weniger Gedanken machen wegen der Rente. Wir erlebten, dass es für unsere Eltern gereicht hatte. Das ist heute anders. Damals war eine betriebliche Altersvorsorge üblich, zumindest in meiner Branche – auch das ist heute anders.

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