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„Brigitte Wir“ heißt das neue Magazin „für die dritte Lebenshälfte“ von Gruner + Jahr. Gedacht als Ergänzung zu „Brigitte Woman“ und „Brigitte Mom“. Zielgruppe sind Vorruheständlerinnen und Rentnerinnen – oder anders gesagt, die Generation der Babyboomer. „‘Brigitte Wir‘ zieht den Hut vor Frauen ab 60 … „ heißt es in der Pressemitteilung. Daran muss sich das Magazin messen lassen.

Ich habe selbst schon eine Rezension geschrieben. Maria Al-Mana von unruhewerk.de hat sich das Magazin ebenfalls genau angesehen und rezensiert.

Hier ihr Gastbeitrag zu „Brigitte Wir“.


Ich gestehe es lieber gleich: Rechnen kann ich nicht besonders gut. Aber so weit, um ahnen zu können, dass hier was nicht stimmt, reicht es dann doch… „Magazin für die dritte Lebenshälfte“ ist der Untertitel der neuen Brigitte „Wir“.

Lebenshälfte? Eine Hälfte ist immer eins von zweien. Von ZWEIEN! Da kann es doch gar kein Drittes geben! Wollen die mich veräppeln? Glauben die, nur weil sie vermuten dürfen, dass ich über 60 bin, kann ich nicht rechnen? Über 60? Ja, ich dachte, das sei die Zielgruppe. War sicher, das irgendwo gelesen zu haben….. Im Editorial aber steht „Frauen von 55plus“. Oha! Die meinen also auch mich! Mist, denke ich. Und fühle mich ertappt: Gehöre ich also doch schon zu DENEN?! Ein bisschen schlechtes Gewissen ist auch im Spiel: Ich dachte wohl, ich kann mich noch drücken, muss mir die Tipps für den barrierefreien Umbau meiner Wohnung noch nicht aufheben. Dann: Mein Gehirn schaltet auf Wohlwollen, prophilaktisch sozusagen, denn wenn das meine neue Community, peer-group, Gemeinschaft, was auch immer werden soll, kann ich es mir ja nicht gleich mit ihnen verderben. Und vermutlich soll die Sache mit der „dritten Lebenshälfte“ ohnehin ein Scherz sein.

Die Brigitten – und ich

Also lassen wir die Zahlenspielchen lieber, auf die Inhalte kommt es schließlich an, oder? Auf den ersten Blick sehe ich wenig Unterschied zur Brigitte woman – das ist die Brigitte für Menschen, die JÜNGER sind als ich…. Dann aber doch wieder nicht so jung wie die aus der Ur-Brigitte. Die, mit der ich buchstäblich erwachsen geworden bin. Und auch da meldet sich ein Grummeln….. Ich bin mit dieser Zeitschrift erwachsen geworden, jawoll! Auch wenn ich sie jahrzehntelang missachtet habe: viel zu konventionell, angepasst, mainstream eben. Aber irgendwie war es eine Konstante…. andere kamen und gingen. Sie blieb. Und ich rede von der Ur-Brigitte, ohne Zusatz. Die aber hat mich verstoßen. Als ich älter wurde, wollte sie mich nicht mehr haben. Erst sollte ich die eine, jetzt schon eine nächste kaufen. Fühlt sich nicht so gut an. Ich weiß natürlich: Marketing und Zielgruppen und so… Aber ich spreche vom Gefühl. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, auch nicht die vielen schön gezeichneten Kräuter in der neuen Brigitte Wir. Ja, schön gezeichnet. Aber glatt. Seicht. Gefällt mir gar nicht.

Die Rebellin in mir erwacht

Und die andren Inhalte? Wie gehabt: Tipps und Kosmetik, Gesundheit, Mode, Geschichten, Interviews, viel von Freundschaft. Ich ahne: Die Brigitten wollen das Gefühl des Verstoßen-Werdens abmildern…. Funktioniert das? Ja und nein. Ein Teil von mir sehnt sich – wie immer – danach, irgendwo dazu zu gehören. „Normal“ zu sein. Ein andrer Teil rebelliert. Auch wie immer. Am heftigsten rumort die Rebellin in mir bei der Mode-Strecke. Da wird der Film „Harold and Maude“ nachgestellt. Und sofort denke ich an meinen stummen Wutausbruch 1979 oder so. Bei C und A. Als ich dort die ersten Kaufhaus-Punk-Klamotten sah. Diese Wut hat noch lange angehalten. Darauf, wie Industrie es immer wieder schafft, die Rebellion – die ich damals deutlich spürte und lebte – zu vereinnahmen, egal, ob in Mode, Musik, Literatur….. Es fühlte sich an wie Enteignung. Einzige Reaktion: ohnmächtige Wut (sehr ungesund, nebenbei bemerkt!)

Harold and Maude

Und jetzt Harold und Maude. Dieser großartige Film aus dem Jahr 1971. Und das in der Brigitte für Menschen von 55plus. Für uns, die wir den Film damals, mit 12 oder 22 oder so gesehen haben und vermutlich alle dachten – wenn wir weiblich sind – so wie die Maude, so werde ich später auch mal! Ich jedenfalls war felsenfest davon überzeugt. Statt ausrangiertem Eisenbahnwaggon hat unsere kleine Familie mittlerweile übrigens ein Oldtimer-Wohnmobil – sicher nicht zufällig ganz nah dran (naja: Im Gegnsatz zu Maude lebe ich da nicht das ganze Jahr über…. Aber so oft wie möglich). Trotzdem: Nein, ich bin keine Maude geworden… vielleicht werde ich es eines Tages aber doch noch. Die Hoffnung will ich mir nicht nehmen lassen. Ganz sicher nicht durch eine banal-kommerzielle Mode-Strecke in einer Brigitte-Irgendwas! Erst wurde ich wehmütig. Und dann schmerzte es. Denn es ging ja noch um so viel mehr in diesem Film! Um das Brechen von Tabus: alte Frau mit jungem Mann. Um die eigensinnige, warmherzige, absolut selbstbestimmt lebende Frau namens Maude. Um die Selbstfindung eines jungen Mannes. Um die vorsichtige Zärtlichkeit zwischen den beiden. Und deren Rebellieren gegen eine herzlose Gesellschaft, die beide genau für diese Zärtlichkeit zu Außenseitern machte.

Und sie haben sich doch verrechnet!

Zugegeben: Die Fotos der Mode-Strecke geben etwas von dieser Stimmung wider. Aber vermutlich haben sich die Brigitten sowieso und an ganz andrer Stelle verrechnet: Nein, ich gehöre definitiv NICHT zur Zielgruppe, ich darf noch träumen, habe noch Zeit genug, meine eigne Maude zum Leben zu erwecken – ohne einen Maxirock für 1998 Euro zum Beispiel, den diese andre Maude da in der Brigitte Wir trägt. So viel Geld hab ich nämlich gar nicht – und das freut mich im Moment riesig!

Wir freuen uns über euer Feedback. Lasst einen Kommentar da!


 

Weiterführende Links:


 

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

4 Comments

  1. ich habe zu danke

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  2. Hach, was für ein schönes Blog hier! Fühle mich richtig wohl. Dank an Helmut Achatz für die freundliche Aufnahme meines Gastbeitrags!
    Viele Grüße,
    Maria die Unruhige….

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  3. […] Startseite » Blogosphäre » “Brigitte Wir” – Drittlife-Magazin oder kommerzialisierte Rebellion? […]

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  4. […] … und dazu die Rezension von Maria Al-Mana als Gastbeitrag […]

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