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In punkto Radfreundlichkeit hinkt Deutschland hinterher – Holland, Dänemark und selbst Frankreich sind weiter. Deutschland muss Radland werden, nur so können wir dem Klimawandel entgegenwirken.

 Radweg? Fehlanzeige! In vielen deutschen Städten sind Radler Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse. Von sechs Milliarden Euro Investitionen in den Straßenbau kommen der „Wirtschaftswoche“ nur hundert Millionen bei der Rad-Infrastruktur an . Das sind prozentual 1,6 Prozent. Die „ZEIT“ spricht sogar von nur 0,5 Prozent. Dabei weiß jeder, dass Radler nicht nur den Radlern gut tun, sondern auch der Umwelt. Trotzdem passiert wenig. Woran liegt’s?

Vielleicht liegt es daran, dass Politiker sich chauffieren lassen, statt selbst zu strampeln, vielleicht liegt’s an der fehlenden Lobby. Wer tritt schon für Radler ein? Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) – aber ansonsten? Den meisten Politikern sind die Radler ziemlich wurscht, wie das in Bayern heißt.

Warum Deutschland Radland werden muss

Die Radlern können noch so viel gegen diese Wurschtigkeit protestiern, es passiert vergleichsweise wenig. Dabei wären mehr Radler gut für die Radler selbst und die Umwelt. Wer radelt, tut etwas für seine Gesundheit und entlastet die Umwelt. Aber Radfahren wird hierzulande zu wenig gefördert. Mal ehrlich, wo gibt es in den Innenstädten schon wirklich ausgewiesene Radwege? Selbst wenn, sind sie von Autos zugeparkt. Die ZEIT-Redakteurin Lea Frehse fleht jedes Mal auf der Fahrt zur Redaktion, dass sie nicht von rücksichtslosen Autofahrern umgenietet wird.

Eingeklemmt zwischen Lkws und Autos

Wer durch Olchings Hauptstraße fährt, einer Stadt im Münchner Speckgürtel fährt, betet am besten vorher, dass er heil an der S-Bahn ankommt, denn auf der Hauptstraße sind Radler nicht vorgesehen. Lkws brettern nur wenige Zentimeter an den Radlern vorbei; Autofahrer biegen knapp hinter den Pedalisten rechts ab; Ein-Parker setzen ohne Rücksicht einfach zurück. So geht das jeden Tag. Es ist ein Wunder, dass „nur“ so wenig Radler unter die Räder kommen.

Die ZEIT-Redakteurin – und nicht nur sie – fragt sich: „Geht’s noch?“. Was ist mit Klimaschutz und Gesundheitsvorsorge? Wir erleben den Klimawandel hautnah in Form steigender Temperaturen und sind dennoch nicht bereit, unser Mobilitätsverhalten zu hinterfragen. Wir Radler werden wie Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse betrachtet. Was läuft da schief in diesem Land?

Kopenhagen Welt-Rad-Hauptstadt

Warum tut sich Deutschland so schwer mit seinen Radlern? In anderen Ländern funktioniert es doch auch – erinnert sei nur an Holland und Dänemark. Für die Dänen ist es selbstverständlich, selbst Möbelstücke mit dem Rad zu transportieren. In Kopenhagen gibt es Radschnellwege und Radgaragen. Kopenhagen ist sogar die Fahrrad-Welthauptstadt – noch vor Amsterdam. Wer schon einmal in Kopenhagen oder Amsterdam war, weiß, welche Rolle dort das Rad spielt. Und bei uns?

Spießrutenlaufen in Deutschland

„Radfahrer fristen ein Dasein am Rand von Autoschneisen, manchmal in Lebensgefahr“, schreibt Lea Frehse. Liegt es an der Auto-Lobby, dass sich in Deutschland so wenig bewegt in punkto Radlfreundlichkeit? Da dürfte viel dran sein. Das Bewusstsein ist wohl nicht da, anders als in Frankreich, das sein Tour-Fahrer bejubelt. Städte, durch die das Paleton saust, brezeln ihre Straßen und Schaufenster auf mit Trikots und sonstigen Devotionalien. In Städten wie Bordeaux gibt es gut beschilderte zweispurige Radtrassen. Davon sind Städte wie München, Frankfurt oder Berlin weit entfernt.

Radler haben kaum Lobby

Aber leider ist die Lobby der Radler, der ADFC einfach zu schwach hierzulande. Er hat erst vor kurzem wieder – unterstützt durch eine Sternfahrt zum Königsplatz – ein Radgesetz für Bayern gefordert. So fordert er beispielsweise ein verbindliches Radverkehrsprogramm, ein durchgängiges Radwegenetz, Radabstellplätze, eine Verdoppelung des Budgets für die Förderung des Radverkehrs, mehr Personal für die Umsetzung des Radverkehrsprogramms und eine deutliche Verbesserung der Fahrradmitnahme in Bus und Bahn. Also, nichts Unverhältnismäßiges. https://www.radgesetz-bayern.de/

„Sichere und entspannte Mobilität für alle“ – ja, so einfach könnte es sein, wenn Politiker umdächten. Radelnde Bürger würden etwas für ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Mitbürger tun, sie würden die Umwelt entlasten und den Mobilitätsstress reduzieren.

Musterbeispiel Wuppertal

Einzelne Kommunen wie Wuppertal preschen vor. Eine stillgelegte Bahntrasse wurde zum zentralen Radweg ausgebaut. Insgesamt kann Wuppertal auf 67 Kilometer Radwege verweisen. Aber, das ist leider nicht die Norm, sondern eher die Ausnahme. „Für eine echte Wende muss das Auto Platz machen“, fordert Lea Frehse. Ja, das ist so. Warum brauchen Autos so viel Platz? Warum muss jeder unbedingt vor dem Geschäft parken? Weniger Platz für Autos, mehr Platz fürs Rad! Das würde zur Entschleunigung und zur Verbesserung der Luftqualität in den Städten beitragen.

Braucht’s eine Tour d’Allemagne?

Vielleicht brauchen wir auch eine Tour d’Allemagne – in Frankreich sind Autofahrer Radlern gegenüber deutlich zuvorkommender als in Deutschland. Die Tour de France hat offensichtlich das Bewusstsein der Autofahrer verändert. Ganz abgesehen davon fahren viele selbst Rad und sind entsprechend umsichtiger, wenn sie Velos überholen. Von Franzosen, Holländern und Dänen können sich Deutsche eine Scheibe abschneiden.

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

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