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Im Alter fit bleiben? Kein Problem. Ruhestands-Coach Wolfgang Schiele hat die Erfolgsformel ausgegeben: (körperliches) Training + soziale Kontakte + neue Eindrücke = besseres Gedächtnis. Aber auch das genaue Gegenteil von neuen Eindrücken hilft, sprich Nostalgie.

Nun hat das „bittersüße Schwelgen“ ja einen eher zweifelhaften Ruf in unserer schnelllebigen und vorwärtsorientierten Welt. Zur Nostalgie neigende Menschen werden als realitätsfremd belächelt und zuweilen für ihren stereotypen Erkennungsspruch „Früher war alles besser“ von den Jüngeren verhöhnt. Man solle „im Hier und Jetzt“ leben, heißt es von allen Seiten. Die Wahrheit ist aber: Nostalgie ist keinesfalls etwas Schlechtes, sondern kann unsere Stimmung und sogar unser Gedächtnis verbessern.

Natürlicher Abwehrmechanismus

Aber zuerst die Frage: Was ist Nostalgie überhaupt? Sozialanthropologen definieren sie gern als eine „lebhaft-sentimentale Sehnsucht nach dem Vergangenen“. Wissenschaftler sind sich aber inzwischen einig, dass hinter dem Begriff nicht nur ein vages Konzept steht, sondern ein realer Abwehrmechanismus unseres Gehirns, der unser seelisches Wohlbefinden regulieren soll. So ist es auch kein Wunder, dass wir vor allem immer dann nostalgisch werden, wenn wir uns in einer Krise befinden, uns einsam fühlen oder dem Ende eines bisherigen Lebensabschnitts nachtrauern.

Nostalgie gezielt einsetzen

Nun ist es aber auch möglich, diese automatisierte Reaktion unseres Gehirns gezielt einzusetzen, um unser Gedächtnis nachhaltig zu trainieren. Dafür müssen wir uns jedoch keineswegs an unsere letzte Scheidung zurückerinnern oder absichtlich mit dem kleinen Zeh gegen ein Tischbein rennen. Stattdessen nutzen wir die typischen Katalysatoren der Nostalgie: alte Erinnerungsstücke, Filmklassiker sowie bestimmte Düfte wirken besonders gut. Da die meisten nostalgischen Erinnerungen zudem beziehungsorientiert sind, kann es helfen, sich mit Verwandten und Freunden zusammenzusetzen und gemeinsam Familienfotos durchzublättern – wieder ein gutes Argument für die oft belächelte, aber überhaupt nicht altmodische Leidenschaft, Fotoalben zu jedem noch so kleinen Lebensereignis zu erstellen.

Fleetwood Mac gut fürs Erinnern

Auch wenn heutige Fleetwood-Mac-Konzerte oder ein Irish Folk Festival das Feeling der 70er nicht mehr wirklich aufleben lassen können, ist Musik doch ein weiterer nachweislicher Faktor, der lebhafte Erinnerungen begünstigt. Ein so guter sogar, dass selbst Alzheimer-Patienten, wenn sonst gar nichts mehr geht, zumindest noch ihre Lieblings-Oldies wiedererkennen und mitsingen können. Nostalgie wird in vielen Seniorenheimen sogar gezielt als Mittel gegen das Vergessen eingesetzt. So fremdeln viele Demenzkranke zwar mit der Gegenwart, fühlen sich beim Ausflug zum Trödelmarkt oder in einem Zimmer mit Schwarz-Weiß-Fotos aus ihrer Kindheit aber wie zu Hause.

Flanieren in die Vergangenheit

Das „Memory-Lane“-Projekt in einer Pension im englischen Winterbourne geht mit besonders gutem Beispiel voran. Dort hat man nämlich eine gesamte „Straße der Erinnerungen“ mit alten Fassaden, originalgetreuen Möbeln und benutzbaren Gebrauchsgegenständen wie Wählscheibentelefonen und antiken Standbriefkästen eingerichtet. Eine Promenade durch diese Kulisse soll nicht nur Gefühle von Verwirrung und Angst verringern, sondern auch das Langzeitgedächtnis auf Trab halten.

Bildrechte: Flickr 70S_3855 Cathy T CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

2 Comments

  1. Hallo Herr Achatz,
    danke für den Beitrag!
    Ich glaube eine Kombination aus beiden Erfolgsformeln wäre wohl der Königsweg … ;-|
    In der letzten Zeit gibt es viele Studien über das Jungbleiben in einer Umgebung, die wir vor 15, 20 oder 25 Jahren erlebt haben.
    Vor ein paar Tagen habe ich einen Filmbericht gesehen, wo die Senioren in einem Pflegeheim im Osten die Lieder ihrer Jugend- und frühen Erwachsenenzeit gesungen haben und dabei aufgeblüht sind. Ich glaube alles begann mit einer Studie von Ellen Langer im Jahre 1979, die feststellte, dass es nur wenig Zeit bedarf, um über die Regression zu einem messbar besseren Allgemeinempfinden zu gelangen.
    Beste Grüße
    Wolfgang Schiele

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    1. Hallo Herr Schiele,

      vielen Dank für den Kommentar.

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