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Die Lebenserwartung in Deutschland erholt sich nach der Pandemie. Doch trotz des Aufholeffekts hinken wir im westeuropäischen Vergleich weiter hinterher. Und regional bleibt die Schere weit offen.
Die gute Nachricht zuerst: Wir leben wieder etwas länger. Nach den Corona-Dellen zeigt die Statistik einen deutlichen Aufholeffekt – Frauen kommen 2023 auf 83,3 Jahre, Männer auf 78,6 Jahre, so das Statistische Bundesamt. Ein Plus von rund 0,4 Jahren gegenüber dem Vorjahr. Der Absturz der Pandemie ist damit nicht vergessen, aber er wird kleiner. Für 2024 erwarten Forscher wie Pavel Grigoriev sogar weitere 0,1 bis 0,2 Jahre Zuwachs.
Doch wer glaubt, Deutschland sei damit zurück auf Kurs, irrt. Die Lebenserwartung steigt – aber nicht überall gleich und international schon gar nicht.
🔍 Perioden vs. Kohorten: zwei Blickrichtungen
Die „Lebenserwartung bei Geburt“ ist ein Gegenwartswert: Wie lange Menschen leben würden, wenn die heutigen Sterblichkeitsverhältnisse konstant blieben. Die Kohortensterbetafeln dagegen schauen nach vorn und modellieren Trends. Deshalb können heute geborene Jungen laut Prognosen zwischen 81 und 90 Jahre alt werden, Mädchen zwischen 85 und 93 – je nach Trend. Ein breites Spektrum, das zeigt, wie unsicher Zukunftsannahmen sind.
🧭 Ost-West: Der alte Graben bleibt
Der Aufholeffekt verläuft asymmetrisch.
- Im Osten stieg die Lebenserwartung schon 2022 wieder.
- Im Westen fiel sie zunächst weiter – erst 2023 ging es wieder bergauf.
Frauen leben inzwischen wieder fast gleich lange. Männer nicht: Westdeutsche Männer leben 1,4 Jahre länger als ostdeutsche. Während der Pandemie war der Abstand sogar auf 2,3 Jahre angewachsen. Ursache laut Studien: schlechterer Gesundheitszustand ostdeutscher Männer – ein strukturelles Problem, das sich nicht einfach „wegstatistisieren“ lässt.
🗺️ Bundesländer: 3,9 Jahre Unterschied – bei Männern
Die Spannweite ist enorm:
- Baden-Württemberg führt seit Jahren – Männer 80,3 Jahre, Frauen 84,4.
- Sachsen-Anhalt bildet das Schlusslicht – Männer 76,4 Jahre.
- Saarland liegt bei Frauen mit 82,0 Jahren am unteren Ende.
Bayern rangiert gleich hinter Baden-Württemberg und meldet sogar Rekordwerte: 79,7 Jahre für Jungen, 84,0 für Mädchen – erstmals über dem Vor-Corona-Niveau. Und die neuen regionalen Sterbetafeln zeigen: Selbst innerhalb Bayerns gibt es Unterschiede. Mittelfranken liegt leicht darunter.
🌍 International: Deutschland verliert weiter Boden
Hier wird es unangenehm. Deutschland gehört inzwischen zu den Schlusslichtern Westeuropas. Der Rückstand zur westeuropäischen Lebenserwartung hat sich seit 2000 von 0,7 auf 1,7 Jahre vergrößert. Hauptgrund: höhere Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Ein Problem, das nicht mit kurzfristigen Trends verschwindet.
⚖️ Fazit: Aufholen reicht nicht
Ja, die Lebenserwartung steigt wieder. Aber der internationale Abstand wächst, die regionalen Unterschiede bleiben, und die gesundheitlichen Risiken im Rentenalter sind hoch. Der statistische Aufschwung ist real – aber er kaschiert strukturelle Schwächen, die Deutschland seit Jahren mit sich trägt.
Die Frage ist nicht, ob wir wieder länger leben. Die Frage ist, warum wir im internationalen Vergleich immer weiter zurückfallen – und was das für eine alternde Gesellschaft bedeutet.
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