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Tag 42 meiner Tour de France – wo soll ich anfangen? Beim Coupe Antica vielleicht. Das war mein Dessert in der Pizzeria Parasol in Deauville. Und nach dem Dessert habe ich mir noch einen Calvados gegönnt – irgendwie muss ich ja zu meinen Kalorien kommen, die ich mir heute abgestrampelt habe.

Tag 42 meiner Tour de France

Lasst uns über Gefühle reden. Frauen meinen ja immer, Männer haben keine Gefühle. Männer haben Gefühle, vielleicht nur andere. Aber beginnen wir ganz von Anfang an. Nachdem ich gestern mehr als 90 Kilometer geradelt bin, wollte ich den Tag doch etwa piano angehen – also „nur“ 70 Kilometer, von Bayeux bis Deauville.

Es sah ja am Anfang alles ganz harmlos aus – ein überschaubarer Anstieg und eine lange Abfahrt. Leider zog sich der Anstieg hin und die Abfahrt ließ auf sich warten. Ich starte ja schon mal später, schließlich treibt mich nichts. Und so radle ich vor mich hin – ein Kilometer um den anderen. Erst 20, dann 25, dann 30 – es wird Mittag. Eigentlich habe ich Hunger und Durst. Wo ist das nächste Restaurant. Es ist Montag – und Montag haben viele Restaurants, Bäcker und Metzger geschlossen. Also weiter strampeln.Ich zähle die Striche, jede Hundert Meter, bemerke den überfahrenen Igel und weiche dem Schlagloch aus, ich registriere meinen Tacho, mein Navi, die Augen brennen, weil sich die Sonnenmilch durch den Schweiß auflöst, ich spüre meinem Atem nach und wünsche mir sehnlichst, oben anzukommen. Die Welt besteht nur noch aus Straße, Atem, Navi und Steigung …

Von Bayeux nach Deauville

Endlos lange Radwege

Es geht über die Pegasus-Bridge nördlich von Caen, dann die Mündung des Orne entlang, immer weiter, an Campingplätzen vorbei, nach ein Ort, und wieder ein Ort. Die Sonne steht im Zenit, mir läuft das Wasser herunter, meine Flaschen leeren sich. Ich brauche eine Pause. Na endlich, zwischen Cabourg und Houlgate ein Kiosk mit Moules-Frites – Muscheln mit Pommes und dazu vielleicht ein Radler. Radler gibt’s nicht, also nehme ich ein Bier – alles zusammen für zwölf Euro.

Noch 25 Kilometer bis Deauville – kann ja nicht so schlimm sein. Doch kann! Kurz nach Houlgate beginnen die Klippen „des Vaches Noires“, der schwarzen Kühe – warum auch immer. Es geht steil bergauf – geschätzt 14 Prozent Steigung. Ich kann nicht anders – ich steige ab und schiebe. Pfeif auf den Stolz. Und dieses Navi hat einen Weg ausgesucht, der mich zwingt, das Rad auch noch ein Stück bergauf zu tragen.

Das Rad geschoben und getragen

Schimpfen, fluchen oder umdrehen hilft nicht – also durch. Die Treppen hoch, oben dann weiter. Zum Glück bin ich oben und es geht nur noch gemächlich in dem Stil weiter – sprich, sanfte Steigung. Oben angekommen, kann ich mein Rad rollen lassen bis kurz vor Deauville. Dann noch mal eine kleine Steigung, das Navi hat schon auf Zehn-Meter-Messung umgestellt – und ich bin bereits in der Avenue de la République – also nur noch die Nummer 120 suchen. Jaaaa, angekommen.

Duschen, trinken – elementare Wünsche

Erster Wunsch nach der Ankunft: eine Dusche – und etwas zu trinken. Alle andere Bedürfnisse stehen hinten an.

So, jetzt kommen wir zum Thema Routine. Nach der Dusche: Bestandsaufnahme. Wie funktioniert das WLAN, wie weit fahre ich morgen, wo übernachte ich morgen und in welchem Hotel? Wenn das alles geklärt ist, geht es darum, alle Geräte aufzuladen. Also, wo sind die Steckdosen?

Kalorienverbrauch ausgleichen

Erst danach flaniere ich durch die Stadt auf der Suche nach einem Restaurant. Ich lande im „Il Parasole“. Die Tische sind alle weitgehend besetzt – ein gutes Zeichen.

Ich werde als einzelner Gast in den ersten Stock hinaufkomplimentiert. Alles ok, dort oben habe ich meine Ruhe und kann gemütlich speisen. Schließlich wollen die verbrauchten Kalorien – heute mehr als 3500 – wieder aufgefüllt werden. Ich bestelle das Le Complet – mit Entrée, Hauptgericht und Dessert. Weil ich ja in der Normandie bin, schließe ich das Essen mit einem Calvados – beeindruckendes Bouquet.

Wenn der moralische Durchhänger kommt

Tja, so ähnlich laufen meine Tage ab: Radeln, Hotelsuche, Duschen, Orientieren, Essen – auf Dauer schon etwas langweilig. Deswegen hat mich heute der Frust eingeholt, sprich, ich habe einen moralischen Durchhänger.

Ergebnis: Ich werde nur noch bis Fécamp der Küsten folgen und dann südostwärts Richtung Straßburg schwenken. Das ist von der ursprünglichen Tour de France 1955 eine ziemlich Abkürzung, aber das erlaube ich mir.

Sorry, wenn das alles nicht sonderlich aufregend klingt, aber das ist zurzeit meine Realität.

à demain

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

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