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Das Kriegsende liegt 73 Jahre zurück, dennoch beschäftigt uns dieser kollektive Wahnsinn immer noch – uns Kriegsenkel. Der Krieg prägt uns Kriegsenkel, die wir zwischen 1950 und 1975 geboren wurden, ob wir es wollen oder nicht.

„Was geht mich der Krieg an?“

„Was geht mich der Krieg an“, diese Fragen stellten und stellen sich viele Kriegsenkel. „Was hat das alles mit mir zu tun?“ – die Frage gehört zum festen Repertoire der Kriegsenkel. Aber mal ehrlich – ist das so? Da ist etwas, das wir nicht abschütteln können. Nicht von ungefähr rückt das Wort „Kriegsenkel“ in den Vordergrund. Ob wir es wollen oder nicht – da liegt etwas im Dunkeln, das darauf wartet, verarbeitet zu werden. Nicht von ungefähr hat es so lange gedauert, bis beispielsweise das NS-Dokumentationszentrum in München eröffnet wurde – genau am 1. Mai 2015, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Es erinnert an die Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur und ermahnt uns, uns zu erinnern.

Aufarbeitung nach der Zäsur

2013 auf dem Kriegsenkel-Kongress in Göttingen keimte der Satz: „Die Elterngeneration krempelte die Ärmel auf, um die äußeren Trümmer zu beseitigen; die seelischen Trümmer zu beseitigen – das ist Aufgabe der Enkel.“ Dem ist nichts mehr hinzufügen. Die Nazi-Herrschaft, das tausendjährige Reich, war so eine tiefe Zäsur, dass die Aufarbeitung Generationen dauert. Wir Kriegsenkel sind gerade dabei, die psychischen Folgen aufzuarbeiten – in Filmen und Büchern. Übrigens, findet auch 2018 ein Kriegsenkel-Kongress statt, dieses Mal in Hannover.

Warum uns Babyboomer der Krieg noch immer etwas angeht Arie Ben Schick Mama, erzähl mir vom Krieg,  Arie Ben Schick

Mama, erzähl mir vom Krieg,  Arie Ben Schick

Eines dieser Aufarbeitungsbücher hat Arie Ben Schick geschrieben – sein Titel „Mama, erzähl mir vom Krieg“. Der Satz drückt treffend aus, worum es geht. „Die einzigen Momente, in denen Arie Ben Schick seiner Mutter emotional ganz nahe ist, entstehen, wenn er sie bittet, ihm vom Krieg zu erzählen“. Beim Erzählen nähert er sich ihr emotional an. „Er hört die Bombeneinschläge, sieht Trümmerlandschaften vor seinem inneren Auge und riecht die verwesenden Leichen, ohne selbst dabei gewesen zu sein“, beschreibt er es. Liest sich beim ersten Blättern pervers. Die Kriegsgeneration hat erfahren, was wir Kriegsenkel so wohl kaum erfahren werden: Tod, Verwüstung, Vergewaltigung, Verwesung, Schändung.

Trauma an die Enkel weitergegeben

Wohl dem, der resiliente Mütter und Väter hatte, die stark genug waren, das zu verkraften. Nicht alle waren stark genug, Chaos, Gewalt, sinnlose Zerstörung und Hoffnungslosigkeit etwas entgegenzusetzen. Viele sind daran zerbrochen oder litten und leiden selbst nach Jahrzehnten daran. Schicks Mutter hat Krieg und Flucht nicht verkraftet – und ihr Trauma an den Sohn weitergegeben.

Aufarbeitung lange tabuisiert

Schick erklärt in seinem Buch, warum es so lange dauerte, bis das transgenerative Traumata ins öffentliche Bewusstsein: „Angesichts der Mitverantwortlichkeit der Deutschen an der Massenvernichtung der Juden zeigten sich viele Menschen dieser Kriegsgeneration gehemmt, über das eigene – doch vergleichsweise kleinere – Schicksal zu klagen. Infolgedessen wurden die eigenen seelischen Belastungen durch Hunger, Flucht, Vertreibung oder den Verlust von Angehörigen oftmals tabuisiert oder verschwiegen. Erst in den letzten Jahren sind die Kriegstraumatisierungen der Generation des Zweiten Weltkriegs in das Interesse der Öffentlichkeit und Forschung gerückt.“

Zusammenbruch als Auslöser

Auslöser für sein Buch „Mama, erzähl mir vom Krieg“ war ein psychischer Zusammenbruch: Arie Ben Schick erleidet lange nach dem Tod seiner Mutter mit 46 Jahren einen psychischen Zusammenbruch. Er sucht Hilfe bei einem Psychotherapeuten. Während der Psychoanalyse erkennt er, was die Kriegsberichte der Mutter bei ihm ausgelöst haben. Er war ihr immer dann ganz nah, wenn sie von ihren Erfahrungen im Krieg und während der Flucht erzählte. Die Mutter starb früh. Arie wächst zeitweise bei seiner Schwester auf, die altersmäßig seine Mutter hätte sein können – ein Schicksal übrigens, dass nicht wenige Kriegsenkel mit ihm teilen.

Kriegsfolgen zahlen noch die Enkel

Der Krieg ist zwar seit 73 Jahren zu Ende, aber den Preis zahlen auch noch die nachfolgenden Generationen. Schicks Buch gewährt einen Blick in das Innenleben eines traumatisierten Kriegsenkels. „Ich gehe davon aus, dass meine Geschichte sehr deutlich davon erzählt, was der Krieg an sich mit Menschen maacht und welchen Preis er selbst noch von den nachfolgenden Generationen fordert“, so sein Resümee. Er lässt uns teilhaben an seiner Geschichte und daran, wie er mit ihr umgegangen ist. „Vielleicht wird es den einen oder anderen bestärken oder zumindest ermutigen, sich auf seinen eigenen Weg zu machen“, hofft Schick.

Im emotionalen Gedächtnis verankert

Wie ihm dürfte es Millionen anderer Kriegsenkel gehen, deren Eltern vor der Roten Armee flohen oder aus Böhmen und Mähren vertrieben wurden. Auch wenn wir Kriegsenkel es nicht wahrhaben wollen, wir haben ein ambivalentes Verhältnis zur Heimat unserer Eltern, ob das jetzt Hinterpommern ist oder Böhmen. „Wir waren eine Flüchtlingsfamilie, ein Zustand, der bis zum heutigen Tag Auswirkungen und sich ganz tief in mein emotionales Gedächtnis eingebrannt hat“, schreibt Schick in seinem Buch. Diese Zäsur im Leben der Eltern ist auch ein „wesentlichen Teil meiner eigenen Identität geworden“, schreibt Schick.

Zwangshaltung als Kompensationsmuster

Arie Ben Schick kam 1966 auf die Welt – den Älteren der Kriegsenkel-Generation dürften Krieg, Flucht und Vertreibung mindestens genauso präsent sein wie ihm. Auch andere zwanghafte Gewohnheiten wie Ordnungszwang oder eine Scheu vor Menschensammlungen dürften vielen in die Wiege gelegt worden sein, weil die Umstände damals so waren. In der Nachkriegszeit lebten viele Familien beengt; Privatsphäre gab es oft kaum. „Die Wissenschaft geht davon aus, dass Zwangshaltungen aufgrund bestimmter Ängste als Kompensationsmuster entstehen, das sich dann selbstständig macht“, schreibt Schick in seinem Buch.

Nabelschau als Folge

Schick gewährt den Lesern einen tiefen Einblick in sein Schicksal und das seiner Familie. Manchen könnte das vielleicht etwas zu viel des Guten sein. Er betreibt eine Nabelschau, die gelegentlich fast schon unerträglich narzisstisch wirkt. „Was noch für meine narzisstische Persönlichkeitsstörung, wie sie mir mein Analytiker zusagt, spricht, ist mit Sicherheit meine ausgesprochene Lust, Bücher zu veröffentlichen und mich und meine Texte gedruckt in der Zeitung zu sehen“, räumt er in seinem Buch selbst ein.

Bücher über Kriegsenkel

Schick reiht sich ein in den Kreis der Autoren, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen. Dazu gehören beispielsweise Sabine Bode, Hilke Lorenz, Luise Reddemann, Ingrid Müller-Münch, Anne-Ev Ustorf, Bettina Alberti, Udo Baer und seine Frau Ursula Frick-Baer sowie Matthias Lohre, ferner Dr. Jürgen Müller-Hohagen und Hartmut Radebold. Nicht zu vergessen Ingrid Meyer-Legrand und ihr Buch „Die Kraft der Kriegsenkel“.

Infos zum Buch:
„Mama, erzähl mir vom Krieg“
Traumabildung in der Nachkriegsgeneration
Arie Ben Schick
170 Seiten
16,95 Euro
Mabuse, 2018
ISBN: 9783863213893

Hier die Rezension der Rheinische Post: Bewegender Lesestoff: „Mama, erzähl mir vom Krieg“

 

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

6 Comments

  1. Danke, vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin ’62 geboren . Meine Mutter ist 15jährig aus Schlesien geflüchtet, verlor den Kontakt zu ihrer Familie, hatte dafür aber Kontakt mit der Roten Armee und der Polnischen Miliz.
    Ich suche Kontakt zu Kriegsenkeln im Raum OWL

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    1. Helmut Achatz 6. März 2018 at 10:28

      Demnächst ist der Kriegsenkel-Kongress. Das wäre doch eine ideale Gelegenheit. Ich fürchte allerdings, der Einschreibetermin ist schon abgelaufen.

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  2. Helmut Achatz 6. März 2018 at 9:13

    vielen Dank für die Kommentare 😉

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  3. Kriegsenkel gibt es nicht nur in Deutschland sondern auch in Russland,England und Frankreich. Jedes Land hat die Pflicht seine Geschichte aufzuarbeiten. Deutschland hat die Pflicht daran zu erinnern welche Folgen ein Angriffskrieg für die eigene Bevölkerung haben kann und wie ein solcher Angriffskrieg in Zukunft vermieden werden kann. Da kann sicherlich noch sehr viel von der Schweiz und Schweden gelernt werden. Das sind politisch neutrale Länder die sich einzig und allein auf die Landesverteidigung konzentrieren. Vielleicht ist es einigen Lesern schon aufgefallen daß es in der Geschichte noch niemals einen Angriffskrieg gegeben hat der nach einem Volksentscheid erfolgte. Das Schweizer System des Volksentscheids ist allen Staaten zu empfehlen die nicht die Absicht haben ihre Nachbarn zu bevormunden oder zu überfallen. Zur Zeit wird wieder einmal kräftig der kalte Krieg geschürt. Dazu gehört die Stationierung von Bundeswehrsoldaten in den baltischen Staaten. Dazu gehört die Einmischung in den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Eine neue Form des kalten Krieges ist die Bevormundung und Erpressung der Nachbarländer die nicht bereit sind Wirtschaftsflüchtlinge und muslimische Missionare aus der Türkei aufzunehmen. An diesem kalten Krieg sind sowohl Angela Merkel als wie auch Martin Schulz beteiligt. Daher braucht Deutschland für eine bessere Zukunft den Volksentscheid wie ihn die Bürgerbewegung „mehr Demokratie e.V.“ fordert. Ich bin mir sicher daß bei einem Volksentscheid im dritten Reich kein Angriffskrieg gegen Polen und Russland erfolgt wäre und daß keine 6 Millionen Juden in Gaskammern ermordet worden wären. Die Bevölkerung trifft in den meisten Fällen bessere Entscheidungen als Politiker die leicht bestochen werden können. Es ist Verhältnismäßig einfach einige korrupte Politiker zu bestechen, aber ein ganzes Volk ist unbestechbar. Daher bleibt zu hoffen daß die Deutschen endlich von der Schweiz lernen damit es in Zukunft keine Kriegsenkel mehr geben wird die ihre Geschichte und das Leiden der Eltern und Großeltern aufarbeiten müssen.

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  4. Danke! Für diesen Artikel! Ja da schlummert noch vieles in uns, dass wir nicht wahr haben wollen. Zum Beispiel auch der Umgang mit unseren Emotionen usw . Ich, Tochter Jg 1949 hatte eine „ gefühllose“ Mutter und genau das halten mir heute meine Kinder vor….. ein unendliches Feld von Themen…, due noch lange nucht aufgearbeitet wurden.

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  5. gut, dass Sie, Herr Achatz, das Thema nochmals aufgreifen. Sabine Bode, Journalistin in Köln, hat zu diesem nicht endenden Drama drei ebenso aufklärende Bücher geschrieben, die ich der Leserschaft wärmstens ans Herz lege:
    „Die Kriegsgeneration“, „Die Kriegskinder“ und „die Kriegsenkel“. Je nach Jahrgang kann der Leser sich in einem der Bücher wiederfinden. Er-Sie erkennt, warum er-sie sich so verhält, wie er sich verhält. Er-Sie erkennt Parallelen zu den Eltern, wenn er-sie -je nach Jahrgang- die „Kriegsgeneration“ oder die „Kriegsenkel“ liest. Diese Bücher haben etwas sehr, sehr Wertvolles: sie klagen nicht an. Sie klären auf. Sie nehmen uns Schuppen von den Augen und belegen ihr im Blog verfasstes Statement, dass wir über 70 Jahre später immer noch an den Kriegsfolgen liden.

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