Rentenreform: Wer zahlt für die nächste Generation?

FinanzenSoziales

Werbung

Das deutsche Rentensystem krankt am Umlageverfahren und an unfairer Lastenverteilung zwischen Eltern und Kinderlosen. Zeit für einen gerechteren Ausgleich.

Die geplante Rentenreform der Bundesregierung setzt an vielen Stellschrauben an – von der an die Lebenserwartung gekoppelten Anhebung der Altersgrenzen über die Einschränkung des vorzeitigen Ruhestands bis hin zum Ausbau der kapitalgedeckten Säulen und der Einbeziehung weiterer Beitragszahler.

Rente ist ein Umlageverfahren

Doch trotz dieser 33 Reformansätze bleibt das zentrale Strukturproblem unangetastet: Die Gesetzliche Rentenversicherung beruht auf einem reinen Umlageverfahren, bei dem die Beiträge der Aktiven sofort wieder an die aktuellen Rentner ausgezahlt werden.

Hinter diesem System verbirgt sich keineswegs eine kapitalgedeckte Rücklage für das eigene Alter, sondern ein realwirtschaftlicher Unterhaltszuschuss an die Eltern- und Großelterngeneration. Das Überleben dieses Systems hängt fundamental von einer nachwachsenden, leistungsstarken Generation ab.

Was ist mit der dritten Generation?

Schon bei der Einführung der dynamischen Rente unter Kanzler Konrad Adenauer im Jahr 1957 wurde der entscheidende Fehler gemacht. Der Nationalökonom und Vordenker Wilfried Schreiber sowie der Nestor der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning, forderten damals einen Drei-Generationen-Vertrag. Ihr Schreiber-Plan sah vor, dass neben den Beiträgen auch die Finanzierung des Heranwachsens einer neuen Generation sozialisiert werden muss – unter anderem durch doppelte Beiträge für Kinderlose und eine kostendeckende „Jugendrente“.

Eltern werden bestraft

Adenauer setzte das System jedoch als Zwei-Generationen-Vertrag um, getreu der – nirgends belegten, aber politisch wirksamen – Prämisse, die Leute würden sowieso Kinder bekommen. Der Familienlastenausgleich wurde in den steuerfinanzierten Bereich (Kindergeld) ausgelagert, statt ihn im Rentensystem zu verankern. Ein wahlpolitisch cleverer Schachzug damals, der uns heute auf die Füße fällt.

Kinderlose zur Kasse bitten

Ökonomische Realität: Kinderlose ersparen sich nicht nur den enormen Zeit- und Erziehungsaufwand, sondern auch direkte finanzielle Kosten in sechsstelliger Höhe (bis zum 18. Lebensjahr und darüber hinaus bei Studium), während Eltern durch geringere Erwerbszeiten und hohe Aufwendungen (rund 750 Euro im
Monat abzüglich Kindergeld) massiv belastet werden.

Debatte um Lastenverteilung und Gerechtigkeit

Die Junge Gruppe der Union schlug in einem früheren Alternativkonzept vor, die Rentenbeiträge an die Zahl der Kinder zu koppeln. Familien mit zwei Kindern sollten den Normalbeitrag zahlen, kinderreiche Familien sollten Entlastungen erhalten, während Kinderlose und Ein-Kind-Familien einen Beitragszuschlag entrichten sollten.

Nichts davon in der Rentenreform

Doch in der aktuellen Rentenreform ist von dieser Gerechtigkeit zwischen Eltern und Kinderlosen nichts mehr zu finden – das Thema wurde komplett ausgeklammert. Kritiker wie Kerstin Herrnkind bezeichnen es in ihrem Buch „Vögeln fürs Vaterland“ als „Bullshit“, Kinderlose für den Kollaps des Rentensystems verantwortlich zu machen. Doch bei aller Diskussion um unfreiwillige Kinderlosigkeit bleibt ein ökonomischer Fakt unbestritten: Kinderlose profitieren im Alter von den Kindern anderer Leute, deren Beiträge die gesetzliche Rente überhaupt erst ermöglichen.

Wege aus dem Dilemma: Wie schaffen wir Gerechtigkeit?

Da eine vollständige Finanzierung der Kinderkosten über das Rentensystem heute kaum noch umsetzbar ist, müssen andere Hebel angesetzt werden, um das fundamentale Strukturdefizit zu korrigieren:

  • Zusätzliche Kapitaldeckung & Rentenabschläge: Personen ohne Kinder könnten einen zusätzlichen Beitrag zu einer kapitalgedeckten Zusatzversorgung leisten und im Alter – mangels eigenen Beitragsnachwuchses – einen prozentualen Abschlag bei der gesetzlichen Rente erhalten.
  • Längere Erwerbstätigkeit für Kinderlose: Ein flexibleres Renteneintrittsalter, das an die Zahl der aufgezogenen Kinder gekoppelt ist (z. B. regulärer Eintritt für Eltern, spätere Regelaltersgrenze von 70 bis 73 Jahren für Kinderlose), würde die Relation von Beitragszahlern zu Rentnern spürbar stabilisieren.
  • Vermögensabbau und Eigenvorsorge: Wer keine Kinder großzieht, hat über Jahrzehnte hinweg signifikant höhere Spielräume für Konsum und private Vermögensbildung. Ein flexiblerer Übergang in den Ruhestand zwingt dazu, dieses angesammelte Vermögen im Alter zur Kompensation einzusetzen.

Wer keine Sorgearbeit für eine nachwachsende Generation leistet, muss die fehlenden Systembeiträge über verlängerte Erwerbsarbeit, zusätzliche private Vorsorge oder geringere Rentenbezüge ausgleichen.“

Rentenreform zu Ende gedacht

Kinder zu haben und großzuziehen ist und bleibt eine freiwillige Lebensentscheidung – doch die langfristigen Konsequenzen für die Stabilität des Sozialstaates und des Umlageverfahrens können nicht länger ignoriert werden. Eine zukunftsfähige Rentenreform muss Erwerbs- und Sorgearbeit endlich wirksam
zusammendenken.

Fazit:

Wer sich frühzeitig mit der Alterssicherung auseinandersetzt, erkennt, dass rein staatliche Lösungen das demografische Problem allein nicht lösen können. Private Vorsorge und das Verständnis der realwirtschaftlichen Zusammenhänge sind der Schlüssel für einen abgesicherten Lebensabend.

Du kannst den Artikel teilen:

Werbung

Das könnte dich auch interessieren

4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Diese Welt ist doch so aus dem Ruder geraten! Viele wollen in diese Welt keine Kinder setzen. Solange wir solche Volltrottel wie Trump oder den Sultan aus der Türkei, den kleinen Dicken aus Nordkorea haben, ist die Welt zum Untergang verdammt. Hat denn für diese Idioten keine eine Kugel!!

    Antworten
  • Dirk Feldhinkel
    7. April 2020 15:15

    Der Generationenvertrag bedeutet, dass die derzeitigen Arbeitnehmer die derzeitigen Renten bezahlen. Dafür wird die gesetzliche Rente des dann zukünftigen Rentners von den zukünftigen Arbeitnehmern bezahlt. Eine Verpflichtung bzw. politische Steuerung zur Kinderzeugung wurde gerade vom Übervater der CDU Konrad Adenauer abgelehnt: „Kinder kriegen die Leute sowieso.“

    Die junge Union zeichnet sich besonders in der Führung durch eine große Klappe aus. Doch wenn diese aufgeht, kommt oft ziemlich alter Staub aus diesen jungen Köpfen. So schlüssig die Schreiberformel 1957 war, sie ist nicht fehlerfrei und passt in einigen Punkten nicht mehr in die heutige Zeit. Es beginnt schon damit, dass das Rentenniveau bei 50% des Regeleinkommens liegen sollte. Etwa ein Niveau, auf dem unser heute absehbares Rentenproblem liegt. Auch die Verlängerung der Lebenszeit, die Verringerung der Arbeitszeit wie auch der Ausbau des Niedriglohnsektors nach Konzept des Herrn Prof. Sinn mit dem Fall des allgemeinen Lohnniveaus unter der Produktivität graben jeweils Beitragsniveau ab.

    Wie frenetisch bejubelt die CDU bis heute die Agenda des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, der zudem die gesetzliche Rentenversicherung zugunsten der sogenannten Riester-Rente ausplünderte. Eine Geisterfahrt entgegenkommend den Vorstellungen des Herrn Schreiber, der das Kapitaldeckungsverfahren als gescheitert betrachtete und dies ökonomisch sehr gut begründete.

    Nicht zuletzt die Entgeltumwandlung, welche die Sozialbeiträge bis heute von den Kassen wegleitet und das Motto propagiert: Raus aus der Solidarität und rein in den Egoismus. Wenn in der Rente die „Abgabenüberraschung“ kommt? Was soll´s, in unserer Ellenbogen-Gesellschaft ist jeder selbst schuld.
    Ob die Schreiberberechnungen von 1957 heute die Probleme lösen? Dieser Beweis fehlt. Dass mehr Kinder kommen, indem man mit Beiträgen bestraft, das halte ich für einen Treppenwitz. Wer Kinder bilanzieren will, der sollte das lieber lassen, denn Kinder sind Menschen.

    Fangt doch einfach mal mit der überholten Splittingtabelle an. Der CDU Gesundheitsminister kann inzwischen heiraten, dafür hat die SPD gesorgt.
    Aber für das Kinderkriegen müsste er schon adoptieren. Also, heiraten heißt heute nicht mehr = Kinder. Dafür gibt es sicher zahlreiche Patchwork-Familien, die viele Kinder zu organisieren haben, aber keinen Trauschein mehr besitzen.

    Denkt mal darüber nach!

    Kinderlose Menschen leisten bei einem besseren Einkommen ohne Unterbrechung bereits höhere und mehr Beiträge. Das hatte sogar Herr Schreiber schon erkannt. Sie dürfen mehr beteiligt werden, aber nicht zur Bestrafung, sondern mit einem akzeptablen widerspruchsfreien Konzept.
    Keiner zeugt Kinder aus Angst vor hohen Beiträgen. Die lebensnahen Lösungen wie kostenfreie Kitaplätze sind mit großer Sicherheit wirksamer. Das zeigt sich heute schon. Dadurch können wieder Arbeitszeiten erweitert werden, was wiederum das Einkommen und somit das Beitragsaufkommen fördert.

    Nun junge Union: Klopft Euch mal gegenseitig mit leichten Schlägen auf den Hinterkopf den alten Staub heraus. Sonst seid Ihr keine junge Union, sondern eine heranwachsende rückständige alte Union mit großer Klappe.Vielleicht hat Rezo auf Youtupe ein noch paar gute Tipps für Euch!

    Antworten
  • Das Problem beim Generationenvertrag ist, dass die Last des Kinderhabens komplett als privat angesehen wird, wie ein teures Hobby oder ein teurer Sportwagen. Ein Wunder, dass Eltern keine Kindersteuer analog zur Hundesteuer zahlen müssen. Jedoch der Nutzen aus den Kindern und späteren Lohnzahlern wird von der Gesellschaft komplett für sich selbst in Anspruch genommen. Eine Familie mit 10 Kindern hat weniger Rente als ein DINKS Paar das immer schon Vollzeit gearbeitet hat. Eben weil diese 10 Kinder dann nicht die Rente ihrer Eltern zahlen sondern diese eher für die Rente des DINKS Paares zahlen werden.
    Deshalb ist heutzutage Jeder, der Kinder in die Welt setzt, der Dumme, da er quasi ehrenamtlich diese grosszieht und aber später nicht davon profitiert. Das hat nichts mit „sozial“ zu tun, eher was mit „kriminell“ und „Betrug“ und „Diebstahl“ würde mir hier eher einfallen.
    Diese Kinderpolitik ist in Wahrheit die allerallerbeste Anti-baby-pille, die ich überhaupt kenne. Ich habe den Eindruck, es ist politisch gewollt, dass die Biodeutschen immer weniger Kinder bekommen. Sonst hätte man an diesen Dingen schon längst etwas grundlegend geändert.

    Antworten
  • Ausserdem wird ignoriert, dass das Kindergeld mit dem Kinderfreibetrag verrechnet wird und man nicht beides erhält und letztendlich mit dieser so tollen „Familienförderung“ in der Summe übers Jahr gerechnet nur das Kindergarten/Schulessen bezahlen kann. Für alle weiteren Kosten wird man komplett alleine gelassen…..
    Dumm ist, wer heutzutage noch Kinder kriegt….

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

null

Helmut Achatz

Macher von vorunruhestand.de

Newsletter

Erhalte regelmäßig News, Tipps und Infos rund um’s Thema Rente und Co. Du erhältst 14-tägig einen Newsletter.

Weitere Inhalte

Rentenplaner für Dummies

Tour de France für alte Knacker: Buch Cover

Werbung

Menü