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Majonäse ist tabu und die deutsche Sprache hat einen neuen Buchstaben. Die Orthografisten aller deutschsprachigen Länder haben getagt – und kamen zum Schluss, mit dem großen „ß“ einen neuen Buchstaben einzuführen. Sie hätte besser die Apostriphitis bekämpfen sollen, die hierzulande um sich greift.

Es lebe das große „ß“

Fünf ganze Jahre hat derRat für deutsche Rechtschreibung“ gebraucht, um einen neuen Buchstaben zu kreieren, Verzeihung – zu erschaffen. Vor kurzem wurde das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung aktualisiert. Künftig darf das „ß“ auch als Großbuchstabe geschrieben werden, was natürlich für Eigennamen in Pässen und Ausweisen ganz wichtig sei. Schließlich kommt ja bei der Anschrift im Personalausweis auch das Wort „Straße“ ganz oft vor.

Mac-User sind gekniffen

Da taucht allerdings schon die nächste Frage auf: Wie lässt sich das Große „ß“ überhaupt auf der Tastatur eingeben. Eine Möglichkeit ist die Tastenkombination Shift + Alt Gr + ß – und herauskommt ein „ẞ“. Es geht vielleicht auch mit Alt Gr + H (nicht auf meiner Tastatur) oder mit Alt + 7838, was bei mir ein „ẞ“ hervorbringt. Wenn auch das nicht funktionierten sollte, hilft vielleicht 1E9E und Alt+C – und siehe da, erscheint schon das „ẞ“ auf dem Bildschirm. Zusammengetragen hat diese Möglichkeiten übrigens das Portal „GigaTech“. Leider kommen GigaTech zufolge nur Besitzer eines Windows-Rechner so einfach in den Genuss des „ẞ“. Immerhin könne ein Mac-Besitzer in den Einstellungen für „Sprache & Text“ im Menü „Text“ die „Symbol- und Textersetzung“ aktivieren und anschließend eine selbstgewählte Tastenkombination für das große „ß“ festlegen. Viel Spaß! Wem das zu viel „Action“ ist, kopiert das „ẞ“ einfach von einer anderen Seite und importiert es in seinen Text.

Oh Heiliger Vater

Fairerweise ist zu sagen, dass das „ẞ“ nicht die einzige Neuerung im neuen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung ist. Künftig dürfen die Deutsch-Schreibenden auch Adjektive groß schreiben in Fällen wie „die Goldene Hochzeit“ und „alles Gute im Neuen Jahr“. In anderen Fällen ist wiederum Klein- und Großschreibung zulässig. Zu diesen Ausnahmen gehört „die mittlere Reife“, die auch als „die Mittlere Reife“ geschrieben werden darf. Eine Anrede wie der „Heilige Vater“ muss hingegen großgeschrieben werden.

Schluss mit der Majonäse

Bei Fremdwörtern hat der Rechtschreibrat den Wortdschungel etwas ausgedünnt. Künftig soll die „Anschovis“ aus dem Wortsalat verschwinden ebenso wie die „Majonäse“. Richtig heißt es nämlich Anchovis und Mayonnaise. Der Vandale darf wieder durch Vandalismus statt durch windelweichen Wandalismus schrecken und der „Ketschup“ wieder als „Ketchup“ aus der Flasche ploppen. Nach der Rechtschreibreform 1996 wurde auch Ketschup akzeptiert – jetzt hat der Rat für deutsche Rechtschreibung eine Rolle rückwärts gemacht.

Pipifax statt Anti-Apostrophitis

Das sind aber alles Petitessen, sprich Belanglosigkeiten, Kleinkram, Pipifax und Tüddelkram im Vergleich zur größten Sünde der deutschen Rechtschreibung, die mit einer solchen Geschwindigkeit und Hartnäckigkeit um sich gegriffen hat – und weiter um sich greift: Die Apostrophitis, die Pervertierung des Genitivs, sprich des Wes-Falls. Es wäre die eigentliche Aufgabe des Rechtschreibrats dagegen zu Felde zu ziehen.

Hanna’s Nähstube überall

Überall springen uns „Hanna’s Nähstube“, „Susi’s Meerschweinchen“ und „Rudi’s Pub“ an und beleidigen das Auge eines jeden rechtschreibbewussten Zeitgenossen. Der Deppenapostroph greift um sich und durchsetzt Werbesprüche, Namensschilder und Parteiplakate. Wer beispielsweise bei Google „Info’s“ eingibt, bekommt 521 000 Treffer. Nichts und niemand ist vom Deppenapostroph sicher. Die besten Beispiele hat Andreas Kothe auf seiner Seite Deppenapostroph zusammengetragen. Es ist erstaunlich, wie findig manche Hausmeister, Nähstubenbesitzerinnen, Spielehersteller und Politiker sind in puncto Apostroph. Da werden Apostrophe schon mal so `´ gesetzt oder auch mal unten (,), kein Plural ist vor ihnen sicher – und sie beschränken sich längst nicht mehr nur auf den Genitiv, sondern nehmen auch „n“ ins Visier; da werden Leerzeichen eingestreut, wo sie nicht hingehören.

Dem Ihle sein Baker

Eine ganz eigenwillige Kombination hat sich die Bäckereikette Ihle einfallen lassen für ihre neue Filiale in Olching. Aus Bäckerei Ihle wurde da „Ihle Baker’s“. Wie ist das jetzt zu interpretieren? Ihles Bäcker, dem Ihle sein Bäcker, der gebackene Ihle oder Pack‘ ma’s Ihle? Die beiden Brüder Wilhelm-Peter und Alexander fanden’s wahrscheinlich sexy, einfach mal ein ’ einzustreuen – Hauptsache Apostroph. Übrigens, ist Ihle Baker’s ein Neutrum, also keine Bäckerei, denn die wäre ja weiblich, eine Filiale ist es auch nicht, weil ebenfalls weiblich, also doch ein Geschäft oder Restaurant – am besten beides, sprich Resto-Back-Shop. Die Beiden sehen ihr Ihles Baker’s als „eines unserer exklusivsten und trendigsten Geschäfte, das in dieser Form auch in angesagten Metropolen wie Berlin, Barcelona oder New York stehen könnte“. Da gibt’s dann Afterwork-Partys, Cocktails, Fingerfood und Brunch-Time.

Es lebe die sprachliche Kreativität! Wer braucht da noch Regeln!

Wer ein paar Anregungen braucht – Deppenapostroph ist auch bei twitter vertreten @deppenapostroph

 

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

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