image_pdfimage_print

Männer in der Drittlifekrise – was ist das denn? Das ist auch nur der Untertitel des Buchs “Altherrensommer” von Andreas Malessa. Der Titel trifft den Nagel auf den Kopf. Der Hör- und Fernsehjournalist Malessa beschäftigt sich genau mit diesem Thema, dem Lebensgefühl von Männer über 50 – ihren Wünschen und den Herausforderungen, denen sie sich gegenüber sehen. „Altherrensommer“ klingt irgendwie nach „Altweibersommer, wobei letzteres rein meteorologisch „eines der schönsten Jahreszeiten“ (O-Ton Malessa).

Männer in der Drittlifekrise

Der Altherrensommer hingegen ist nicht unbedingt geprägt von mildem Septemberlicht. Viele Altherren, sprich Männer in der Drittlifekrise trauern der abnehmenden Leistungsfähigkeit nach – und das betrifft nicht nur die sexuellen Einschränkungen, sondern auch die sportlichen und bei manchen sogar die finanziellen. Das Namensgedächtnis lässt nach, irgendwie funktioniert es auch nicht mehr so mit dem energischen Erheben aus einem bequemen Sessel. Selbst das Hochdrücken aus der Badewanne wird zum Act. Wunden verheilen langsamer als früher; das Aufstehen nach dem Bücken kostet Überwindung; ganz zu schweigen von Beinkrampf und Bandenscheibenvorfall. Irgendwie neidisch schauen die 50pluser vorbeisausenden Bikern hinterher, nicht ohne an die eigene Jugend zu denken. Ja, und wie es mit der Kurz- und Weitsichtigkeit? Kurzsichtig zu sein, war bislang problemlos mit einer Brille auszugleichen, jetzt aber selbst die Buchstaben auf dem Computerschirm nicht mehr lesen zu können, weil sie vor den Augen verschwimmen – das ist einfach nur ungerecht und entwürdigend.

Welcher 30er greift schon zur “Apotheken-Umschau”?

Es ist schwer, das alles zu akzeptieren – die Einschränkungen und überhaupt. Das wächst sich bei manchen zu einer regelrechten Drittlifekrise aus. Plötzlich wird für viele Männer in der Drittlifekrise sogar die „Apotheken-Umschau“ interessant. Mal ehrlich, welcher Mann hätte in den 30er- oder 40ern zur „Rentner-Bravo“ gegriffen?

Ach ja, und die Abende mit Freunden, wenn aus dem einen Gläschen Wein zwei oder gar drei werden – die Augen werden immer schwerer, langsam rutscht der Hintern in Richtung Stuhlkante, eigentlich würden viele da lieber aufstehen und ins Bett gehen. Von wegen durch gefeierte Nächte, das war früher und ist Vergangenheit.

“Altherrensommer” für die Drittlifekrise

Um all das geht’s in diesem Buch „Altherrensommer“. Weil das sonst kaum einer thematisiert, hat Malessa für die Altherren ein kleines Vademekum geschrieben.

Hier an dieser Stelle ein kleiner Ausschnitt aus diesem Buch, in dem „nichts über Viagra steht, aber (fast) alles darüber, womit Männer und Frauen die nächsten Jahre leben werden“. Das Kapitel ist überschrieben mit „Warum ertragen Männer das?“: „‘Man ist so alt, wie man sich fühlt‘ – dieser Spruch ist dumm. Weil man(n) und frau sich morgens wegen körperlicher Beschwerden manchmal oder sogar häufig älter fühlt als man tatscächli ist. Und weil es die Deutungshoche der eigenen Wirkung von den Betrachtern auf den Betrachteten verlagert. Vom Objekt auf‘s Subjekt. Trotzdem haben Soziologen den Satz wissenschaftlich gegengecheckt und geschlechterübergreifend festgestellt: ‚Die meisten Älteren nehmen sich ungefähr neun Jahre jünger wahr, als sie sind‘. Männer ‚fühlen‘ sich sogar um etwa 14 Jahre jünger und glauben, acht Jahre jünger auszusehen. Wenn das stimmt, wäre der ‚blinde Fleck‘ zwischen Eigenbild und Außenwahrnehmung etwas ein Jahrzehnt groß. Der Witz dazu lautet so: Im Wartezimmer eines Zahnarztes liest der Patient auf den Urkunden an der Wand einen Namen, der ihm bekannt vorkommt. Hieß nicht ein schlanker, schwarzgelockter, fklinker Junge in seiner Schuklasse so? Als mit bedächtigen Schritten ein korpulenter, glatzköpfiger Dentis das Behandlungszimmer betritt, denkt der Patien: ‚Aha, nein, dann ist er das nicht.‘ Beim Lesen der Patienkarte stutz der Zahnarzt. ‚Kann es sein, dass wir Anfang der 70er Jahre zusammen auf dem Hölderlingymnasium waren?‘ ‚Ja!‘ nickt der Patient Der Zahnarzt lächelt: ‚Und welche Fächer haben Sie damals unterrichtet?‘“

Wenn Eigen- und Fremdbild so gar nicht zusammenpassen wollen

Aber noch viel lustiger ist folgende Anekdote: „Im realen Alltag funktioniert der blinde Fleck so: Er hält sich für einen gern gesehenen Stammgast im Edelitaliener und möchte die beiden ehemaligen Kollegen dorthin ausführen, wo in der Padrone – so hofft er – vom gemauerten Holzkohle-Steinofen aus mit Vornamen begrüßen wird. Wo man jede Weinempfehlung mit einer persönlichen Erfahrung kommentieren kann und die Preise zwar an der Obergrenze, aber gerade noch bezahlbar sind. Die jungen Kellner sehen in dem Altherrentrio drei Restaurantgäste, die bei der Getränkeaufnahme erst umständlich ihre Lesebrille suchen, dann ‚herrisch‘ Bestellungen aufgeben, das erste Glas Wein mit ebenso bedauernder wie bedeutungsvoller Miene zurückgeben lassen (‚korkt‘) und schließlich wegen der abgedimmten Beleuchtung  die Herrentoilette nicht finden. Und auf dem Rückweg, die letzte Treppenstufe übersehend, beinahe stürzen. Jeder Kellner auf Erden weiß, was das ist: Die heikle Kundschaft, männlich, über 50.“

Wozu ist Opa gut?

Alte Männer beschweren sich Malessa zufolge nicht, „weil sie ihre tatsächliche Seelenlage weder benannt noch behandelt haben wollen“. Das scheint Malessa „der markanteste Unterschied zu Frauen gleichen Alters zu sein, denn die finden zeitweise Hilfsbedürftigkeit keineswegs ehrenrührig“.

Die anderen Kapitel sind:

  • Kleiner Ärger, große Kränkung
  • Jürgen – Pfandraiser und Platzhirsc
  • Rente sich wer kann
  • Josef engagiert sich jetzt
  • Keine Lust auf Ideologie
  • Karl – und was zum Glück nicht fehlt
  • Und? Was machen die Kinder
  • Uwe und das neue Zeitgefühl
  • Woran haben Sie es körperlich gemerkt?
  • Giselher und die Altersprostitution
  • Wo wir im Durchschnitt liegen
  • Ich weiß noch genau
  • Geht Religion in den Ruhestand
  • Wozu ist der Opa gut?

Das Schlusswort stimmt wieder versöhnlich: „Der moderne Großvater im 21. Jahrhundert könnte doch, statt mit seiner Gattin um praktisch-organisatorische und mit seiner Tochter um pädagogische Kompetenzen zu wetteifern, einfach der letzte Romantiker der Familie sein – oder? Als liebenswert chaotischer Rebell gegen alles sorgenvoll Vernünftige. Seine leiblichen und/oder sozialen Enkel werden ihn dafür lieben, bin ich sicher.“

Vielleicht sollten wir 50pluser mal wieder “Höhner” hören: Wenn nicht jetzt, wann dann

 

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

One Comment

  1. […] übrigens, Männer haben auch ein Drittlife. Wer schreibt dann über […]

    Antworten

Kommentar verfassen