Pflegereform 2027: Rettung oder nur Aufschub?

FinanzenGesundheit

Werbung

Die Regierung setzt eine Expertenkommission ein. Bis Mitte 2027 soll die Pflege bezahlbar bleiben – doch für Beitragszahler wird es schon vorher teurer.

Die Pflegeversicherung steht finanziell mit dem Rücken zur Wand, und die Sorgen vieler angehender Ruheständler wachsen. Jetzt nimmt die Bundesregierung den nächsten Anlauf: Eine 13-köpfige Pflegestrukturkommission unter dem Vorsitz von Gabriele Kuhn-Zuber und Georg Cremer soll das System grundlegend umbauen und zukunftsfähig machen.

13-köpfige Pflegestrukturkommission

Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann verspricht viel: Pflege soll zielgenauer werden, Beiträge sollen bis weit nach 2030 stabil bleiben und vor allem die häusliche Pflege – also Angehörige, die täglich die Hauptlast tragen – gestärkt werden. Doch der Zeitplan ist ambitioniert: Erst Ende Januar 2027 sollen erste Vorschläge vorliegen, bevor die Reform zum 1. Juli 2027 greifen soll.

Ein Déjà-vu, das skeptisch macht

Für ältere Generationen klingt das extrem vertraut. Erst kürzlich erarbeitete die Rentenkommission 33 konkrete Empfehlungen – nur damit die Politik sie am Ende zerpflückte, ignorierte oder auf die lange Bank schob. Es droht das gleiche Schauspiel bei der Pflege: Wenn Experten mühsam Reformen austüfteln, der politischen Führung aber der Mut fehlt, sie gegen Widerstände umzusetzen, bringt auch die beste Kommission nichts.

Lücke schon jetzt spürbar

Wer im Ruhestand ist oder kurz davor steht, spürt die finanziellen Lücken schon viel früher. Bereits zum 1. Januar 2027 steigt der Beitragssatz für Kinderlose um 0,3 Prozentpunkte, um die akuten Milliardenlöcher zu stopfen. Kinderlosen zahlen dann 4,5 Prozent.

Für viele kommt die Reform zu spät

Ein erneutes Versprechen auf Besserung greift für viele Betroffene zu spät. Ob die neue Kommission tatsächlich die Wende bringt oder nur an den Stellschrauben dreht, wird sich erst zeigen. Eines ist jedoch sicher: Die eigenverantwortliche Vorsorge für den Pflegefall bleibt auch in Zukunft die wichtigste Absicherung.

Die Realität sieht so aus:

  1. Erst mal wird es teurer. Noch bevor die Kommission ihre ersten Vorschläge Ende Januar 2027 vorlegt, greift das erste Hilfspaket: Ab 1. Januar 2027 steigt der Beitrag für Kinderlose um 0,3 Prozentpunkte.
  2. Zeit ist Geld – das fehlt der Kasse jetzt. Die Pflegekassen brauchen nach eigenen Angaben sofort Milliarden. Eine Kommission, die 2027 liefert, ist kein Rettungsboot, sondern ein Plan für ein neues Schiff.
  3. Häusliche Pflege stärken – heißt auch: Sie stärken. Wer vor dem Ruhestand steht, pflegt oft schon Eltern oder Schwiegereltern. Wenn Leistungen „zielgenauer“ werden, bedeutet das im Klartext: Wer gut dokumentiert, wer Anträge stellt, wer sich um Reha kümmert, bekommt mehr. Wer nicht geht leer aus.

Die Pflegestrukturkommission

Hier ist die Übersicht der 13 Experten und Expertinnen, die vom Bundeskabinett in die neu eingesetzte Pflegestrukturkommission berufen wurden:

Vorsitz der Kommission

  • Prof. Dr. Georg Cremer (Vorsitz): Volkswirt und ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes.
  • Prof. Dr. Gabriele Kuhn-Zuber (Co-Vorsitz): Juristin und Präsidentin der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB).

Weitere Mitglieder (Wissenschaft, Praxis & Recht)

  • Prof. Dr. Christine Arentz: Professorin für medizinische Soziologie und Gesundheitsökonomie.
  • Michaela Evans-Borchers: Direktorin des Forschungsschwerpunkts „Arbeit & Wandel“ am Institut Arbeit und Technik (IAT).
  • Jürgen Graalmann: Unternehmensberater im Gesundheitswesen, ehem. Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes.
  • Prof. Dr. Martina Hasseler: Professorin für Pflegewissenschaft und klinische Pflege (Ostfalia Hochschule).
  • Prof. Dr. Dörte Heger: Professorin für Gesundheitsökonomie.
  • Prof. Dr. Stefan Huster: Professor für Öffentliches Recht, Sozial- und Gesundheitsrecht (Ruhr-Universität Bochum).
  • Prof. Dr. Thorsten Kingreen: Jurist und Experte für Sozial- und Gesundheitsrecht (Universität Regensburg).
  • Hans-Dieter Nolting: Gesundheitsexperte und Geschäftsführer des IGES-Instituts.
  • Prof. Dr. Heinz Rothgang: renommierter Gesundheitsökonom und Pflegeforschender (SOCIUM, Universität Bremen).
  • Prof. Dr. Gregor Thüsing: Rechtswissenschaftler und Arbeitsrechtler (Universität Bonn).
  • Rita Zöllner: Pflegewissenschaftlerin (Evangelische Hochschule Nürnberg) und ehem. Präsidentin der Vereinigung der Pflegenden in Bayern.

Pflegepraxis unterrepräsentiert

Das Gremium setzt sich überwiegend aus Fachleuten der Verfassungs- und Sozialrechtswissenschaften, Gesundheitsökonomie und Pflegewissenschaften zusammen. Kritiker und Branchenverbände merken dabei an, dass die direkte Vertretung der pflegerischen Alltagspraxis im Vergleich zur Rechts- und Wirtschaftswissenschaft eher schmal aufgestellt ist.

Die entscheidende Frage bleibt: Schafft die Kommission echte Reformen oder wird die Finanzierungslücke lediglich in die Zukunft verschoben? Bis Mitte 2027 dürfte sich daran entscheiden, wie belastbar Deutschlands Pflegesystem im demografischen Wandel wirklich ist.

Bild: Pexels

Du kannst den Artikel teilen:

Werbung

Das könnte dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

null

Helmut Achatz

Macher von vorunruhestand.de

Newsletter

Erhalte regelmäßig News, Tipps und Infos rund um’s Thema Rente und Co. Du erhältst 14-tägig einen Newsletter.

Weitere Inhalte

Rentenplaner für Dummies

Tour de France für alte Knacker: Buch Cover

Werbung