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Ex-Arbeitsminister Walter Riester sieht das „Rentenniveau“ als Trugbild an. Es führt in die Irre und sagt wenig darüber aus, wie viel Geld Rentnern bleibt.
Walter Riester (82) findet deutliche Worte für die aktuelle Rentenpolitik. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ bezeichnete er das Rentenniveau als eine „Nullnummer“. Sein Hauptargument: Die Kennzahl sei irreführend, da sie kaum Aussagekraft darüber besitze, wie viel Geld am Ende tatsächlich auf dem Konto der Rentner landet.
Riester hat Hausaufgaben nicht gemacht
Vielleicht hätte er besser seine Hausaufgaben gemacht: Denn offiziell heißt das Rentenniveau ja auch „Sicherungsniveau vor Steuern“ – und so sollten es Medien und Öffentlichkeit auch nennen. Das Sicherungsniveau vor Steuern – öffentlich einfach als „Rentenniveau“ bezeichnet – ist eine zentrale statistische Kennzahl in der deutschen Rentenpolitik – nicht mehr und nicht weniger. Sie beschreibt das Verhältnis zwischen einer Standardrente und dem aktuellen Durchschnittseinkommen der Arbeitnehmer. Sie sichert das Alter ab, mehr auch nicht. Bequem leben kann davon keine und keiner. Warum hat er das damals nicht gesagt als Arbeitsminister? Was er auch nicht sagt: Die 2001 eingeführte Riester-Rente sollte die sinkende gesetzliche Rente kompensieren. Das funktioniert nur nicht. Viel schlimmer, Riester schmälert die gesetzliche Rente. Ob jemand riestert oder nicht – seine gesetzliche Rente wird auf alle Fälle um vier Prozent gekürzt. Die Riester-Rente hat Walter Riester erfunden; eingeführt wurde sie 2001 von einer rot-grünen Regierung unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Seitdem dämpft sie die gesetzliche Rente als Faktor in der Rentenformel.
Standardrentner – ein fiktives Modell
Der Standardrentner: Das ist ein fiktives Modell. Es wird angenommen, dass diese Person genau 45 Jahre lang gearbeitet und dabei in jedem Jahr exakt das Durchschnittsentgelt aller Versicherten verdient hat (also 45 Entgeltpunkte gesammelt hat).
Die Formel
Die Berechnung erfolgt nach diesem Prinzip:
So sieht die Rentenformel aus. Der Nachhaltigkeitsfaktor wurde allerdings ausgeklammert.
Warum „vor Steuern“ (Netto vor Steuern)?
Er bedeutet:
- Netto: Die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung sind bereits abgezogen.
- Vor Steuern: Die individuelle Einkommensteuer wird nicht berücksichtigt, kann gar nicht berücksichtigt werden. Das liegt daran, dass die Besteuerung der Rente individuell sehr unterschiedlich ausfällt (je nach Eintrittsjahr und weiteren Einkünften), was einen statistischen Vergleich unmöglich machen würde.
Was das Rentenniveau „nicht“ ist
Wie Walter Riester kritisierte, gibt es oft Missverständnisse:
- Es ist nicht die individuelle Rentenhöhe: Ein Rentenniveau von 48 % bedeutet nicht, dass jeder Rentner 48 % seines letzten Gehalts bekommt. Wer weniger als 45 Jahre gearbeitet oder unterdurchschnittlich verdient hat, bekommt weniger als diese 48 %.
- Es ist keine Lohn-Ersatzrate: Es vergleicht die Rente nicht mit dem letzten Gehalt einer Person, sondern mit dem Durchschnittsgehalt der aktuellen Generation der Arbeitnehmer – übrigens anders als bei der Beamtenpension.
Die Netto-Rentenersatzquote (Net Pension Replacement Rate) wird von der OECD berechnet. Diese Quote vergleicht das individuelle Nettoeinkommen kurz vor der Rente mit der Netto-Rente. Sie ist meist deutlich höher als das offizielle „Rentenniveau“, da Rentner im Vergleich zu Erwerbstätigen oft geringere Abgaben (insbesondere keine Arbeitslosen- und Rentenversicherungsbeiträge) leisten.
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Aktueller Wert (für Durchschnittsverdiener): 52,9 % bis 55 %.
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Einordnung: Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit unter dem OECD-Durchschnitt (ca. 61–62 %). In Ländern wie Österreich oder Italien liegt diese Quote oft bei über 80 %, was jedoch an anders strukturierten Systemen liegt.
Vergleich der Kennzahlen im Überblick
| Kennzahl | Aktueller Wert (ca.) | Bedeutung |
| Netto-Rentenersatzquote | ~53 % | Individueller Vergleich: Letztes Netto-Gehalt vs. Netto-Rente. |
| Sicherungsniveau vor Steuern | 48,1 % | Statistischer Wert: Standardrente vs. Durchschnittslohn. |
Aktueller Kontext
Die Bundesregierung hat gesetzlich festgelegt, dass dieses Niveau bis zum Jahr 2039 bei 48 % stabilisiert werden soll (Rentenpaket II). Kritiker wie Riester bemängeln jedoch, dass diese Zahl die private Vorsorge völlig ausblendet und somit kein realistisches Bild der tatsächlichen Lebensstandards im Alter liefert.
In der Praxis sieht die Rechnung für einen „Eckrentner“ (jemand, der 45 Jahre lang exakt Durchschnitt verdient hat) so aus:
| Posten | Betrag |
| Bruttorente (45 Entgeltpunkte) | 1.770,00 € |
| – Krankenversicherung (ca. 8,15 %) | -144,25 € |
| – Pflegeversicherung (ca. 2,3 % – 4,0 %) | -60,00 € |
| Netto vor Steuern | 1.565,75 € |
Das Rentenniveau: Ein Trugbild?
Ex-Arbeitsminister Riester spart nicht an Kritik gegenüber der eigenen Partei. Dass die SPD starr an der 48-Prozent-Marke festhalte, gehe an der Lebensrealität vorbei, so sein Kommentar in der „Süddeutschen Zeitung“.
Schluss mit der „Ideologieschlacht“
Riester warnt vor einer gefährlichen Schwarz-Weiß-Malerei. Die Debatte, ob nun das Umlageverfahren oder die Kapitaldeckung der richtige Weg sei, bezeichnet er als „Katastrophe“. Umlagesystem und Kapitaldeckung sind kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch.
Ich halte die Auseinandersetzung auf diese Art für schlimm, weil doch beides wichtig ist.“
— Walter Riester
Der angekündigte Paradigmenwechsel
Während Riester die Methodik kritisiert, bereitet die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz bereits den Umbau vor. Merz kündigte beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse einen Paradigmenwechsel an:
- Gesamtversorgungsniveau: Die gesetzliche Rente bleibt, wird aber nur noch ein Baustein von vielen.
- Stärkung der Kapitaldeckung: Private und betriebliche Vorsorge sollen massiv ausgebaut werden.
- Vermögensaufbau: Arbeitnehmer sollen stärker am Zuwachs des Volksvermögens teilhaben.
Bis Ende Juni soll eine neue Rentenkommission eine Kennzahl vorlegen, die neben der gesetzlichen Rente auch die private und betriebliche Vorsorge einbezieht. Das ist die Quadratur des Kreises, denn viele Beschäftigte haben keine Riester-Rente und haben keine betriebliche Altersvorsorge. Wie bitte schön, soll daraus eine Kennzahl errechnet werden?
Wo steht Deutschland?
Bild: picture alliance / Gilbert Novy / KURIER / picturedesk.com | Gilbert Novy
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