In meinem Umfeld berichten immer wieder Freunde, Verwandte und Bekannte darüber, dass ihnen sofort nach dem Betreten der Arztpraxis ein Formular von der Arzthelferin in die Hand gedrückt wird. Es ist die Zustimmung für Individuelle Gesundheitsleistungen – kurz IGeL genannt. Man solle die Unterschrift nebenbei erledigen, im gleichen Zug bei der Abgabe der Krankenkassen-Karte. Bei Nachfrage wird lapidar erklärt, dass die gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr alle Leistungen zahlen würden. Völlig überrascht und überfordert unterschreiben viele ahnungslos. Vor Ort können sie diese Aussagen nicht überprüfen.

Häufiger zum Arzt im Alter

Die Berichte darüber reißen nicht ab. Besonders ältere Menschen müssen häufiger zum Arzt und sind deshalb eine besonders interessante Zielgruppe für IGeL. Aber auch junge Leute berichten regelmäßig, dass sie mindestens einmal mit Beträgen zwischen 25 und 100 Euro für IGeL unerwartet abgezockt wurden. Das stellten die meisten jedoch erst fest, nachdem sie die Praxis verlassen haben. IGeL sind offensichtlich ein gutes Geschäft für Ärzte und Ärztinnen.

Abzocke statt Hilfe

Seriöse Ärzte und Ärztinnen müssen daran verzweifeln, dass unseriös arbeitende Ärzte und Ärztinnen durch IGeL den Ruf eines gesamten Systems in Frage stellen und dafür auch noch belohnt werden. Wenn Menschen mit einer gesundheitlichen Beschwerde oder sogar schmerzen in die Praxis kommen, dann erwarten sie Hilfe. In einer großen Sorge haben die meisten Menschen mental nicht die notwendige Widerstandskraft, der Autorität eines Arztes oder einer Ärztin zu widerstehen. Darüber hinaus haben diese Ärzte und Ärztinnen eine abgebrühte Verkaufsschulung für IGeL  absolviert. Anstatt eine Diagnose zu stellen, erklärt dieser Arzt oder diese Ärztin, dass beim Patient eine bar zahlungspflichtige Untersuchung durchgeführt werden müsse. Der Begriff IGel bzw., dass es hierbei sich um individuelle Gesundheitsleistungen handelt, wird mit keiner Silbe erwähnt.

Das Geschäft mit der Angst

Ein Arzt hat es leicht, dem Patienten eine sprichwörtliche Lebensangst einzureden. Der Patient ist hoffnungslos ausgeliefert, denn er hat in der Regel kein Medizinstudium. Er braucht Hilfe und Sicherheit. Die bekommt er wiederum erst nachdem er sich bereit erklärt hat, den geforderten Obolus zu zahlen. Was sind schon ein paar Euro gegenüber einer Lebensbedrohung? Genau das ist jedoch nicht der Sinn der individuellen Gesundheitsleistungen – die sogenannten IGeL.

Die Drücker-Methoden

Diese Ärzte malen in fruchterregender Bedrohlichkeit das Schlimmste aus, was ihnen passieren könnte, wenn Sie sich nicht untersuchen lassen würden. Deshalb müsse man vorsorglich diese oder jene Untersuchung durchführen und die würden die Krankenkassen nicht zahlen. Nur wenn Sie zahlen, dann könne man die Erkrankung erkennen und Maßnahmen dagegen ergreifen. Sie sitzen in der Falle. Wenn Sie trotzdem ablehnen, kommen in einigen Fällen Hochdruckmethoden zum Einsatz. Sie sollen die Ablehnung schriftlich bestätigen, damit der Arzt nicht in Haftung genommen werden könne. In anderen Fällen werden diese Kosten ohne vorherige Aufklärungen in Rechnung gestellt. Sprechstundenhilfen beginnen häufig im Vorfeld damit, medizinisch über diese vermeintlich notwendigen Leistungen aufzuklären. Die Aufgabe über IGeL aufzuklären, ist jedoch dem Arzt oder der Ärztin vorbehalten.

Die Wahrheit über IGel

Diese Ärzte nutzen die Unwissenheit über die gesetzlichen Regeln aus. IGeL sind Diagnose- und Behandlungsmethoden, die über die notwendige medizinische Versorgung hinausgehen. Sie können deshalb nicht dringend sein. Das Verhältnis zwischen Patient und Arzt hat die Bundesärztekammer klar geregelt. Genaue Informationen darüber stellt die Verbraucherzentrale zur Verfügung. Hier können Sie feststellen, was individuelle Gesundheitsleistungen – kurz IGeL – sind, welche Rechte sie haben und wie sie sich beschweren können.

Scheu vor der Konfrontation

Viele Menschen scheuen die Konfrontation in einer solchen unangenehmen Lage. Besonders ältere Menschen sehen in einem Arzt eine Autorität mit höchsten ethischen Ansprüchen. Aber auch jüngere Menschen, für die Freundlichkeit und Harmonie wichtig sind, haben es schwer, eine solche Situation zu meistern. Erstaunlich oft bekomme ich die Information, dass diese Menschen den geforderten Betrag für völlig unsinnige IGeL zahlten, obwohl sie wussten, dass diese unnötig sind. Diese Menschen kannten keinen Weg aus dieser Falle. Beim Arzt oder der Ärztin klingelte dagegen die Kasse.

Höflich-hartnäckig dagegen halten

Es gibt für diese Menschen eine einfache wie wirkungsvolle Abwehrmethode. Sie hat sich gegen die härtesten Verkaufsattacken bestens bewährt. Es ist die H-H-Formel: höfliche Hartnäckigkeit. Sie federn den Vorstoß des Arztes höflich ab und bestätigen, dass sie seine Worte verstanden haben. Dann erwidern Sie mit hartnäckiger Eintönigkeit genau das, was Sie wollen: die notwendige medizinische Versorgung. Das funktioniert in einem Beispiel so:

Arzt: „…die Krankenkasse zahlt nicht mehr alle Leistungen. Um festzustellen ob Sie … müssen wir eine Untersuchung machen, die Ihre Krankenkasse nicht zahlt…“
Patient: „Das habe ich verstanden, aber ich möchte eine medizinisch notwendige Untersuchung (/Behandlung), die von der Krankenkasse übernommen wird.“
Arzt:“… Nur mit diesen Untersuchungen können Sie sichergehen, dass sie nicht die Erkrankung durch … haben.“
Patient: „Das mag sein, jedoch möchte ich wegen meiner Beschwerden die notwendige Untersuchung (/Behandlung), die von der Krankenkasse übernommen wird.“
Arzt: „… Wenn sie diese Untersuchung nicht machen, könnte sich die Erkrankung so fortentwickeln, dass Sie daran sterben können.“
Patient: „Das ist möglich, ich möchte jetzt eine medizinisch notwendige Untersuchung (/Behandlung), die von der Krankenkasse übernommen wird.“

Wenn Sie drei Versuche des Arztes überstanden haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass nicht mehr allzu viele Verkaufsangriffe erfolgen. In krassen Fällen melden Sie den Vorfall als Beschwerde bei der Verbraucherzentrale. Schützen Sie sich und andere Menschen vor dieser IGeL-Abzocke.

Posted by Dirk Feldhinkel

Ich habe viele Jahre Erfahrung in der Beratung für Unternehmer und Verbraucher zu Investitionen, Finanzierungen und betrieblicher Altersversorgung gesammelt. Heute berate ich Unternehmen und Gesellschafter in schwieriger Kommunikation, in Konfliktsituationen und in Verhandlungen. Mein Talent liegt darin, wichtige Tatsachen aufzudecken, die viele in der Routine übersehen.

6 Comments

  1. Helmut Blechschmidt 29. Mai 2019 at 11:11

    Bei meinem Augenarzt läuft es genauso ab: Die IGeL Leistung Augeninnendruckmessung wird gleich nach der Abgabe der Versichertenkarte angeboten/aufgedrängt, die Nichtinanspruchnahme muss unterschrieben werde. Der Spießrutenlauf beginnt aber schon bei der Terminvergabe: Drücken Sie Taste 1 für einen Termin als GK-Versicherter, Taste 2 als Privatversicherter. Bei Taste 1 bedauern sie häufig die Wartezeit und man fliegt raus, bei Taste 2 ist nach 10 Sekunden ein Ansprechpartner dran. Statistisch gesehen haben wir hier genügend Augenärzte, praktisch wartet man 8 Wochen auf einen Kontrolltermin, der Privatversicherte kommt noch in der gleichen Woche dran. Man kommt sich wie ein Bittsteller vor, muss aber einfach „Mitspielen“ wenn man nicht viele km zum nächsten Augenarzt fahren will. Nuklearmedizinische Untersuchungen sind nicht mehr möglich, die AOK zahlt keine Fahrkosten für Untersuchungen in 77 km Entfernung, Wartezeit beim Neurologen 3-4 Monate, Psychotherapeuten 9 Monate, der Endokrinologe nimmt keine neuen Schilddrüsenpatienten mehr an. Vom Direktversicherungs-Zwangsbeitrag, 20% meiner Rente, habe ich keinerlei Vorteile!

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    1. Dirk Feldhinkel 31. Mai 2019 at 8:59

      Sehr geehrter Herr Blechschmidt,

      Danke für diesen Kommentar. Sie Schildern es sehr ähnlich, so wie ich es oft zu hören bekomme. Das Problem stellt etwas Grundsätzliches dar.

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  2. Das ist das eine Thema. Das andere – sehr viel schwerwiegendere – Thema ist das Problem der Termine. Gerade jüngst habe ich das wieder erfahren dürfen. Einen Facharzttermin beim Neurologen (mein Verdacht auf eine Gürtelrose hat sich dann bestätigt) konnte ich zeitnah nicht bekommen. Erst als ich in meiner Verzweiflung anbot, alles privat selbst zu bezahlen, bekam ich den Termin noch am selben Tag. Die folgenden 3 Termine, Untersuchung, Behandlung, Labor und Medikamente (musste natürlich alles selbst bezahlt werden, weil „Privatrezept“), hat mich dann insgesamt fast 400.-€ gekostet. Natürlich ist mir das meine Gesundheit wert, und es ist nicht das erste Mal, dass ich zu diesem „Trick“ greife, um ohne Wartezeit einen Termin zu bekommen, aber angesichts 380.-€ monatliche Krankenkassenbeiträge (inklusive Doppelverbeitragung von Betriebsrenten und Direktversicherungen) plus über 200.-€ Beitrag durch die Rentenkasse, also insgesamt nahezu 600.-€ monatliche Einnahmen der KK durch mich, sind solche Extrazahlungen besonders bemerkenswert bzw. ärgerlich. Alles dem System geschuldet. 😡

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    1. Dirk Feldhinkel 23. Mai 2019 at 17:55

      Hallo Fiu Tare!

      Danke für Ihren Erfahrungsbericht. Ich muss zugeben, dass ich über diese Vorgänge sehr schockiert bin. Das ist eine Ausbeutung, die ihresgleichen sucht. Wenn ein Arzt einen Termin auf Privatrechnung machen kann, dann kann er es auch für jemanden als Kassenpatient, der in Not ist. Wie abgestumpft und geldgierig muss ein Arzt sein, um etwas so durchzuziehen? Das erschreckende dabei ist, dass gerade Fachärzte viel Zeit für unsinnige IGeL haben. Dann ist keine Zeit mehr für Kassenpatienten in Not? Diese Zustände gibt es seit Jahren und die Gesundheitspolitiker geben trotz aller Bekundungen ein schwaches Bild ab.

      Ich bin selbst Privatpatient und weiß, dass manch ein Arzt sich mit Untersuchungsangeboten fast überschlägt. Das hat natürlich noch andere Folgen, auch für mich. aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls hängen diese Probleme offensichtlich zusammen. Das empfinde ich als einen unhaltbarer Zustand.
      Es ist gut, dass Sie darüber berichteten. Vielleicht können wir die Öffentlichkeit über diesen Blog noch mehr dafür sensibilisieren.

      Viele Grüße!

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      1. Der Arzt selbst mischt sich da aktiv gar nicht ein. Es sind die (zwar sicher geschulten) Praxisangestellten, die kurzfristige Termine für Kassenpatienten erst mal abblocken. Handkehrum werden Privatpatienten Termine von jetzt auf gleich in aller Regel natürlich eingeräumt. Die Schuld für dieses Dilemma nur den Ärzten in die Schuhe zu schieben ist etwas zu kurz gegriffen. Das gesamte Gesundheitswesen ist im Würgegriff der Kostenträger (Krankenkassen). Das gilt für Krankenhäuser wie für Arztpraxen. Auch Niedergelassene Ärzte haben wie Krankenhäuser Budgets, die begrenzt sind. Ist das Budget aufgebraucht, müssten sie umsonst arbeiten. Machen sie natürlich nicht. Deswegen haben sie kein Interesse, zusätzliche Patienten einzuschieben. Privatpatienten fallen natürlich nicht unter den Budgetzwang. Das ist Geld oben drauf. Genau wie IGEL Leistungen.
        Ich habe über 45 Jahre im Krankenhaus gearbeitet. Ich kenne das System recht gut. Es ist für Laien nur sehr schwer zu durchschauen. Aber es stinkt zum Himmel. 😡

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        1. Dirk Feldhinkel 24. Mai 2019 at 11:04

          Hallo Fiu Tare!

          Sie haben völlig recht, es ist ein Systemproblem. Die gesetzlichen Budgets sind nichts anderes als eine Planwirtschaft, die mit einem quasi freien Markt konkurrieren sollen. Das funktioniert natürlich nicht. Das System belohnt diese Verhaltensmuster. Es sind völlig absurde Steuerungsmechanismen. Es schockiert mich, wenn dadurch Menschen in Notgeraten. Es könnten dadurch irreversible Schäden oder Schlimmeres geschehen. Selbst „neoliberale Wirtschaftsfanatiker“ müssen hier erkennen, dass durch die Wartezeiten für Behandlungen, Ausfälle der Mitarbeiter vermutlich wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe verursachen. Sie haben sicher ein sehr wichtiges Thema angesprochen.

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