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Nippes hier, leere Dosen dort und in der Ecke stapelweise Zeitschriften, dazu Tassen mit Sprung sowie leere Shampoo-Flaschen – alles wird angehäuft und weggelegt. Über kurz oder lang verwandelt sich ein Wohnzimmer so in eine Müllkippe. Wie kommt es aber, dass aus Bestagern Messies werden – warum ist das so?

Manche schaffen es psychisch nicht mehr, alles Überflüssige aufzuräumen, manche alte Menschen auch physisch nicht mehr – und dann verlieren sie die Kontrolle. Wie so etwas passieren kann, beschreibt das SWR Fernsehen.

Alt sein. Die Knochen tun weh, der Kühlschrank füllt sich nur schwer und dann noch dieser Haushalt. Wie soll man das nur schaffen? Viele ältere Menschen haben häufig wenig Kontakt mit ihren Angehörigen, wohnen allein oder leiden beispielsweise an Demenz. Irgendwann stellen sie fest, dass sie ihren Alltag nur noch schwer meistern können und der Wohnungsputz auf der Strecke bleibt. Oft ist es dann schon zu spät.
Wenn aufräumen allein nicht mehr hilft, ist ein professioneller Müllentsorger gefragt. Sie haben oft den Auftrag, Wohnungen komplett leer zu räumen und sauberzumachen. Die Verursacher würden sie meist nicht mehr kennenlernen, so der pfälzische Entrümpler Matthias Witzel, aber die Fälle würden sich oft ähneln.
Doch woran liegt das? Oftmals stirbt der Ehepartner oder der Bezug zum Angehörigen nimmt ab, ältere Menschen fallen schnell in ein Loch und wollen es selbst nicht wahrhaben, hilflos zu sein. „In der heutigen Gesellschaft guckt nicht mehr jeder nach der Nachbarschaft“, sagt Matthias Witzel.
Er hat schon viel Dreck gesehen. Ihn anzufassen, kein Problem, den Geruch zu ertragen, eine Herausforderung. „Ich sag es ehrlich, ich bin das schwächste Glied in der Kette. Ich bin der, der sich auch manchmal übergeben muss.“ Aber nicht nur der Gestank ginge Witzel an die Nieren, oft berühre ihn auch das Schicksal dieser Menschen und das sei oft noch einprägender als die ganze Arbeit. Selbst eine Leiche in der Wohnung mussten die Entrümpler einmal vorfinden.

Der SWR lässt im Video einen professionellen Entrümpler zu Wort kommen.

Messie leitet sich vom Englischen „mess“ ab, was so viel bedeutet wie Unordnung, Schweinerei, Mansch, Sauerei, Verhau und Kuddelmuddel. Messitum kommt bei Alt und Jung vor, wobei die Älteren in der Mehrheit sind. Das Gros ist zwischen 40 und 50 Jahre alt sind. Viele wollen es ja nicht wahrhaben – aber erst, wenn die Betroffenen es erkennen, kann ihnen ein Dritter helfen. Helfen heißt in dem Fall, ihnen bewusst zu machen, was der Unterschied ist zwischen Ordnung und gesunder Unordnung. Müll ist für viele eine Art Schutzpanzer gegen die Außenwelt, weswegen sie sich nur ungern von ihrer „Sammlung“ trennen. Messitum ist allerdings noch mehr – es ist häufig auch, die Unfähigkeit, sich dem Leben zu stellen, bedeutet Entscheidungsunfähigkeit und innerer Zerrissenheit.

Eine der häufigen Ausreden von Messies ist „Ich werde es vielleicht mal brauchen“ – ein Totschlag-Argument, wie jeder schnell begreifen dürfte. Damit lässt sich alles abbügeln und jeder Anflug von Aufräumen unterlaufen. Auf der Seite „Katrin-schafft-Platz wird dieses Phänomen einfühlsam beschrieben. Es seien die Vorstellungen dahinter, die das Ausmisten so schwer machen; jeder Gegenstand repräsentiere einen Wunsch, eine Vorstellung, eine Erinnerung und auch Ängste. Der Abschied davon sei die eigentliche Herausforderung. „Es ist leicht nachvollziehbar, dass der Abschied von einem Wunsch schmerzhaft sein kann, aber selbst an ihren Ängsten halten viele unbewusst fest“, beschreibt Katrin Miseré diese Haltung. Nur wer es schaffe, sich davon zu lösen, falle auch das Ausmisten leicht. „Manchmal klappt es auch umgekehrt – über den Abschied vom Gegenstand gelingt der Abschied von dem was dahinter steckt“, weiß sie.

Dabei „schafft Reduktion inneren Raum“, wie Gabi Raeggel auf ihrem Blog „achtsame Lebenskunst“ eingängig beschreibt.

…Ausmisten ist wie eine seelische Tiefenreinigung. Mit der Reduktion klären Sie Ihre Beziehungen, vor allem die Beziehung zu sich selbst. Sie bestimmen Ihren Standpunkt zur eigenen Vergangenheit und Zukunft sowie zu anderen Menschen..“

Wie wäre es denn mal mit „Plastikfasten“? Der Aufruf zum Plastikfasten kommt in diesem Jahr von Anneliese Bunk, die gemeinsam mit Nadine Schubert das Buch Besser leben ohne Plastik“ geschrieben hat – oder „Autofasten“. Mehr Beispiele finden sich auf der Seite „Widerstandistzweckmäßig“

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

4 Comments

  1. Hallo Herr Achatz, vielen Dank fürs Erwähnen meiner Webseite – und insb. auch für diesen Beitrag. Zwar kenne ich keine so ausgeprägten Messie-Wohnungen, aber ich habe mich durchaus schon oft erschrocken, wie Menschen älter werden und dann nach und nach mit ihren ganzen angehäuften Dingen komplett überfordert sind. Es hat mich immer wieder sehr betroffen gemacht. Denn glücklich wirkten diese Menschen in all ihren vielem Besitz nicht so richtig.
    Je mehr Lebensjahre sich ansammeln, desto einfacher sollte die Lebensgestaltung werden. Schöne Erinnerungen sollten wir in unserem Herzen bewahren und nicht in Schubladen, Schränken, Dachböden oder Kellern.

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    1. Hallo Gabi Raeggel,

      das freut mich. Für viele ist Besitz – und auch dazu gehört manchmal viel Überflüssiges – wie ein Schutzwall gegen die böse Welt da draußen. Ich kann das nur bestätigen, was Sie schreiben: Je mehr Lebensjahre sich ansammeln, desto einfacher sollte die Lebensgestaltung werden. Schönes Fazit!

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  2. Hallo Maria,

    gern. Das ergänzt den Beitrag wunderbar.

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  3. Hallo!

    Danke fürs Teilen von meinem Beitrag über die Fastenaktionen!

    lg
    Maria

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