Werbung
Franz Müntefering fordert in einem „Handelsblatt“-Interview mehr Reformbereitschaft – bei Rente, Pflege und im Umgang mit dem Alter. Laufenlassen sei keine Option.
Reformen als Ermöglichung – Münteferings Appell
Franz Müntefering ist 86, aber von politischer Müdigkeit keine Spur. Im „Handelsblatt“-Interview erinnert der frühere SPD-Chef daran, wie schwer große Reformen schon zu Agenda‑Zeiten waren – und warum Deutschland heute wieder an einem Punkt steht, an dem Mut gefragt ist. „In einer Lage wie heute ist Laufenlassen keine Option“, sagt er. Die wirtschaftliche Situation sei ernst, die Herausforderungen gewaltig. Doch statt Klartext zu reden, fehle vielen Verantwortlichen der Mut, die Dringlichkeit zu erklären.
Pflegeversicherung: „So geht es nicht weiter“
Den größten Reformbedarf sieht Müntefering in der Pflegeversicherung. Das System sei angesichts des demografischen Wandels kaum noch tragfähig – weder finanziell noch personell. Sein Vorschlag: ein völlig neuer Ansatz, der Menschen zwischen 60 und 90 Jahren stärker unterstützt. Etwa durch kommunale „Sen‑Seminare“, die Fitness, Ernährung und den offenen Umgang mit dem Sterben thematisieren. Schon ein oder zwei Jahre später eintretende Pflegebedürftigkeit wäre ein enormer Gewinn – für Betroffene wie für die Gesellschaft.
Arbeiten über 65: Mehr Flexibilität statt starre Grenzen
Müntefering hält das feste Renteneintrittsalter für überholt. Viele Menschen wollten mit 65 oder 66 weiterarbeiten, dürften aber nicht – oft aus Kostengründen der Arbeitgeber. Sein Vorschlag: Ein Rechtsanspruch für Beschäftigte über 60, ihren Vertrag über das Rentenalter hinaus zu verlängern, sofern der Arbeitgeber nicht nachweisen kann, dass keine Aufgabe mehr vorhanden ist. Das würde ältere Menschen stärken und dem Arbeitsmarkt dringend benötigte Erfahrung erhalten.
Ich habe schon bei der Einführung der Rente mit 63 gesagt, dass ich das nicht machen würde. Und heute würde ich das umso mehr sagen.
Rente mit 63: gut gemeint, schlecht für die Demografie
Deutliche Worte findet Müntefering auch zur Rente mit 63. Sie sei ursprünglich für körperlich belastete Berufe gedacht gewesen, werde aber heute viel breiter genutzt – und passe nicht mehr in die Zeit. Angesichts der Alterung der Gesellschaft brauche es mehr Flexibilität, nicht weniger.
Man darf Reformen nicht nur als Zumutung verkaufen, sondern als Ermöglichung: Wir wollen gut leben, gut alt werden – und das ist uns etwas wert. Dafür müssen wir auch etwas leisten.
Politik zwischen Angst und Verantwortung
Für Müntefering ist klar: Reformen scheitern nicht an der Bevölkerung, sondern an politischer Angst vor der nächsten Wahl. Wer aus Furcht vor der AfD stillhalte, verliere die Menschen erst recht. Politik braucht Impulse, Ehrlichkeit und Entschlossenheit – gerade in unsicheren Zeiten.
Mit unserem Newsletter auf dem Laufenden bleiben
Einfach jetzt kostenlos abonnieren
Alter, Würde und der Sinn bis zum letzten Tag
Besonders bewegt Müntefering der gesellschaftliche Umgang mit dem Alter. Das Wort „Ruhestand“ hält er für fatal, weil es suggeriere, jemand werde nicht mehr gebraucht. Sinn und Teilhabe müssten bis zuletzt möglich sein. Auch über das Sterben müsse offener gesprochen werden – ein Thema, das viele verdrängen, obwohl es alle betrifft.
Wir müssen dem Leben bis zum letzten Augenblick vorm Sterben Sinn geben.
Ein alter Sozialdemokrat, der nicht leise wird
Müntefering blickt auf 60 Jahre SPD-Mitgliedschaft zurück, aber er bleibt unbequem. Ob Pflege, Rente, Arbeitsmarkt oder internationale Politik – er fordert Klarheit, Mut und Verantwortung. Reformen seien selten populär, aber notwendig. Und wer überzeugt sei, müsse dazu stehen.
Bild: Shutterstock | Markus Wissmann
Werbung

