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Der ‘”Spiegel” hat mit “Spiegel Classic ein Magazin für die Generation 50plus herausgebracht. Das Magazin „für Menschen mit Erfahrung und Entdeckergeist“ soll sich dem „Lebensgefühl und der Lebenswirklichkeit der Generation 50plus widmen“, so das Credo der Magazinmacher.

Titelthema des Erstlings ist die Zukunftsangst älterer Menschen („Strategien für ein angstfreies Leben“). Es geht in der Ausgabe laut „Spiegel“-Verlag um Fragen wie „Wie wohne ich?“, „Wie verbringe ich meine Freizeit?“, „Wie halte ich mich gesund und fit?“ und „Welche Ziele habe ich?”. Ressortleiterin Susanne Weingarten will allerdings nicht das Alter der Leser in den Vordergrund stellen, sondern vielmehr ein Heft produzieren mit all den „Themen, die für sie (die Zielgruppe) relevant sind”.

Lebenswirklichkeit der 50plus-Generation

„Das neue Magazin Spiegel Classic bietet anspruchsvolle und unterhaltsame Beiträge, in denen sich die Interessen und Lebenswirklichkeit dieser Zielgruppe widerspiegeln“, sagt Weingarten. Reportagen und Ratgeberstücke zu Themen wie Reisen, Sport, Gesundheit, Kultur und Kulinarik dürfen natürlich nicht fehlen.

Zum Auftakt einer Serie über Wohnformen im Ruhestand widme sich Spiegel Classic den Chancen und Risiken, die im Zusammenleben mit Kindern und Enkeln liegen. Das Best-Ager-Magazin stellt verschiedene Wohnformen vor, darunter auch das Mehrgenerationenhaus. Die Ausgabe enthalte eine Reportage aus Namibia über den 68-jährigen Hamburger Unternehmer Michael Hoppe, der in der ehemaligen deutschen Afrika-Kolonie eine zweite Heimat gefunden hat und Hilfsprojekte für Kinder organisiert. Das Thema Fitness im Kopf kommt ebenso vor wie der Schauspielstar Mario Adorf, der über erste Verliebtheit und sein Verhältnis zu den Frauen (“Mein erster Schwarm”) plaudert.

Umfang von Spiegel Classic: 140 Seiten, in einer Druckauflage von 165 000 Exemplaren. Der Preis: 4,90 Euro.

Der erste Eindruck – eher enttäuschend

Wie versprochen: der erste Eindruck von Spiegel Classic. Das fängt schon mit dem Cover an. Wer meint, die Zielgruppe 50plus wieder zu finden, wird ziemlich enttäuscht. Da schaut den Best-Agern ein Mit-Dreißiger entgegen. Der soll als Testimonial für “Erfahrung und Entdeckergeist” herhalten. Zumindest komisch. Dann das Logo, das keines ist. Und was bitte schön soll “Classic” heißen? Das ist irreführend und irritierend. Der Mann am Kiosk schaut Käufer verdutzt an, die nach “Spiegel Classic” fragen. “Was soll das sein?”. Das Editorial muss ohne Front-Frau oder -Mann auskommen – niemand, der seinen Kopf hinhält. Offensichtlich wollte keiner der Redakteure sein Konterfei dafür hergeben. “Wer schreibt hier eigentlich – Persönliches ohne Persönlichkeit”, wirft das Medienmagazin “Meedia” ein.

Spiegel Classic sei erkennbar bemüht, durch Handwerk und Professionalität zu punkten, notiert Meedia. Wer das Magazin aufmerksam durchblättert, fühlt sich kaum angesprochen. Mich beschleicht das Gefühl, dass da einiges aus dem großen Spiegel-Fundus stammt, darunter beispielsweise die Reportage aus Nambia über den 68-jährigen Hamburger Unternehmer Michael Hoppe.

Wat is’n Dampfmaschin?

Die Bilder wirken eher wie beiläufig und etwas verschämt, einfach eingestreut und beliebig, dazu viele Strichzeichnungen, wo es unnötig ist. Das Recycling-Papier lädt nicht gerade zum Schwelgen ein. A propos Strichzeichnungen: Die Kolumne des Finanzexperten Hermann-Josef Tenhagen lässt den interessierten Leser doch eher ratlos zurück. Da kommt keine ISIN vor, keine Erklärung, was sich denn hinter dem Kürzel BGH und MSCI verbirgt. ISIN steht übrigens für International Securities Identification Number und ist eine zwölfstellige Buchstaben-Zahlen-Kombination, sowas wie die Postleitzahl für einen Ort, nur in dem Fall für ein Wertpapier; BGH steht für Bundesgerichtshof und MSCI für Morgan Stanley Capital International, einem Macher von Aktienindizes, darunter der globale Aktienindex MSCI World. Mittlerweile gibt es einige Indexfonds auf den MSCI World, darunter beispielsweise den Comstage MSCI World mit der ISIN: LU0392494562. Die Verwaltungsgebühren sind mit 0,2 Prozent gering, ferner ist der Indexfonds sparplanfähig, das heißt, wenn ein Opa wirklich etwas für seinen Enkel tun will, kann er einen Sparplan einrichten, so dass jeden Monat oder alle drei Monate vielleicht für einen bestimmten Betrag Fondsanteile gekauft werden. Gleichzeitig erklärt die Kolumne, was ein Depot ist. Als wenn das nicht jeder Opa längst wüsste. Und warum bitte schön, muss Tenhagen als Strichmännchen erscheinen? Ihn kennt doch mittlerweile fast jeder aus dem Fernsehen.

Mühsame Annäherung an 50plus

Zugegeben, Verlage mühen sich ab mit der Zielgruppe 50plus. Mittlerweile tummeln sich einige 50plus-Magazine am Markt, darunter “Victoria” und “meins – Frauen wie wir. Gruner+Jahr probiert es mit “Brigitte Wir –  und hat immerhin schon einige Ausgaben Erfahrung. Auch “Brigitte Wir” hatte Anlaufschwierigkeiten, nicht zuletzt mit den Anzeigenkunden, die sich noch nicht ganz auf die Zielgruppe 50plus eingestellt haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Übrigens, “Viva” ist bereits wieder vom Markt verschwunden. Schon Weihnachten 2015 kam das Aus für das Best-Ager-Magazin aus dem Gruner+Jahr-Verlag.

 

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

2 Comments

  1. “Die viel größere Krise ergibt sich aus der Perspektivlosigkeit, dem Leben eine neue Aufgabe, einen neuen Sinn zu geben.” schreibt Georg W.

    Warum ist es nur so schwer, die größere Freiheit zu nutzen, die der “Ruhestand” heutigen Rentnern noch ermöglicht, kreativ zu nutzen? Es gibt doch sooooo viel zu tun, was nicht kapitalistisch/marktförmig zu organisieren ist, weil nicht profitabel genug. Ob man mit Menschen (Alte, Kinder, Erwachsene mit Lebensproblemen), Tieren oder der Natur zu tun haben will, kann man sich aussuchen – dafür gibt es sogar bequeme Plattformen, die jede erdenkliche Art gesellschaftlichen Engagements vermitteln. Oder man betätigt sich künstlerisch, schreibt, bloggt, gärtnert…

    Es wundert mich ohne Ende, dass “Perspektivlosigkeit” offenbar so ein Problem der späteren Jahre ist!

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  2. ja, ja, mein täglich Brot! Als Coach begleite ich “uns Ältere”, namentlich derer ab Ende 50 bis Mitte 60, in der Lebensphase zwischen “Ende Arbeitsleben” bis zum “sich damit abfinden, Rentner, Pensionär” zu sein. Angst hat sich bei dieser Altersgruppe breit gemacht. Nicht nur bei denen, die mit einem schmalen Budget zurechtkommen müssen, sondern auch bei denen, die mit sich und ihrem Altern nicht klarkommen. Vielen Menschen unseres Alters fehlt es an Perspektive. Im Arbeitsprozess “war man so drin” in den Aufgaben. Mehr oder weniger wurde man durchs Arbeitsleben geschoben. Es gab Projekte, Arbeiten, die es mehr oder weniger freudig zu erledigen gab. Sie dienten aber auch der Ablenkung, sich nicht mit sich selbst auseinander setzen zu müssen. Das ist nun anders. Naturbedingt merken wir Älteren das eine oder andere Zipperlein näher als während des Arbeitslebens. Wenn das Schicksal es hart mit uns meint, kommt die eine oder andere Krankheit mit hinzu. Sogar Abschiede von Partnern oder Freunden trüben den Blick auf das vermeintlich goldene Zeitalter.
    Die Physis ist aber nur die eine Seite der Alterungsmedaille. Die viel größere Krise ergibt sich aus der Perspektivlosigkeit, dem Leben eine neue Aufgabe, einen neuen Sinn zu geben. Recht schnell nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben und der erholsamen “Weltreise” im Kleinen wie im Großen”, kommt der graue Alltag. Nach dem intensiven Studium der Lokalzeitung setzt bei vielen Menschen gähnende Leere ein. So ist es extrem wichtig, sich beizeiten mit der neuen Situation anzufreunden. Es geht tatsächlich um Freundschaft mit sich selbst. Es geht um Anerkennung der neuen Situation. Wer mit Anfang, Mitte 60 aus dem Arbeitsleben ausscheidet, hat gut und gerne noch 10, 15, 20, gar 30 Jahre vor sich. Diese Zeit will aktiv geplant und gestaltet werden. Es lohnt sich, hier aktiv, selbstständig oder mit Begleitung von Profis nach einer neuen, regelmäßigen Aufgabe zu forschen, die zu übernehmen ist: jeder in seinem Tempo und jeder so viel wie es ihm oder ihr gut tut. Die Regelmäßigkeit steht an oberer Prioritätenliste. Egal, ob die soziale Tat, das Ehrenamt den Älteren “zwingt”, morgens aus dem Bett zu springen, um sein Wissen, sein Engagement an Mann und Frau zu bringen, oder ob man(n) oder Frau noch einmal zur Uni geht, um das zu studieren, was binnen des Arbeitslebens nicht möglich war. Vielleicht können auch schlummernde Talente zu neuem Aufbruch wagen: so mancher meiner Klienten hat schon den Hobel und die Feile in die Hand genommen und Möbel aufgearbeitet, Fahrräder im “größeren Stil” repariert, Reiseleitungen übernommen etc. Der Grundsatz ist immer der gleiche: “wer rastet, der rostet”. Daher: keine Angst vor dem alt werden. Begegnen wir dem Altern mit dem gebotenen Respekt. Formen wir unser Leben nach den Lebensumständen neu und schaffen somit eine gesunde Basis, angstfrei unserem letzten Lebensdrittel oder -viertel entgegenzugehen.

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