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Ganz ehrlich, das Wort „Kriegsenkel“ ist für viele immer noch neu – für mich auch. Wir, die wir Mitte der 50er und Anfang der 60er-Jahre geboren wurden sind genau diese Kriegsenkel, die Ingrid Meyer-Legrand in ihrem Buch „Die Kraft der Kriegsenkel“ zu Wort kommen lässt. Es regt uns an, darüber nachzudenken, wie wir geworden sind was wir sind – und das ist mehr, als viele denken.

Auf dem Leben der Babyboomer und auch noch der Generation X, der nach 1965 Geborenen liegt ein langer Schatten, den der Krieg und die Ereignisse danach werfen. Diese Jahrgänge sind in den Wirtschaftswunderjahren groß geworden, selbstbewusst und von sich überzeugt. Und trotzdem war da immer etwas, das aus einer weiter zurückliegenden Zeit bis in unsere Gegenwart ausstrahlt. Diesen Schatten will die systemische Therapeutin, die Sozialpädagogik, Sozialwissenschaft und Geschichte studiert hat, ausleuchten und die Umrisse nachzeichnen.

Schwere Hypothek der Vergangenheit

Wir, die wir in einer Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen sind, waren häufig zu sehr damit beschäftigt, uns mit den Geschichten der Kriegskinder-Eltern zu befassen. Mal ehrlich, wer von uns hat genau hingehört, wenn sie denn überhaupt etwas erzählt haben. Denn es gab nicht nur die Familien, in denen ungefiltert erzählt und teilweise auch heftig diskutiert wurde; es gab auch die anderen, in denen die Vergangenheit verschwiegen wurde. Das Unausgesprochen muss sich wohl wie Mehltau auf die Familie und die Kriegsenkel gelegt haben – eine schwere Hypothek.

Erinnern an Krieg und Gefangenschaft

Ingrid Meyer-Legrand Die Kraft der Kriegsenkel

Ingrid Meyer-Legrand Die Kraft der Kriegsenkel

Manchmal ahnten wir Kriegsenkel nur, wie schlimm das Erlebte gewesen sein muss. Mein Vater hatte ein Ritual: Zu Weihnachten fastete er bis zum Abendessen in Erinnerung an seine Kriegsgefangenschaft, während der oft genug hungerte, weil die Rationen knapp bemessen waren. Sein Bruder war im Krieg vermisst, sein Halbbruder kam mehr tot als lebendig aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Eine Kleinigkeit nur, aber beim Lesen des Buchs „Die Kraft der Kriegsenkel“ taucht sie wieder aus dem Nebel auf.

Übrigens, Maria Al-Mana hat auf ihrem Blog “Unruhewerk” ebenfalls eine Rezension zum Buch “Die Kraft der Kriegsenkel” geschrieben. Auch sie fühlt sich “beim Lesen erwischt, getroffen, ziemlich genau beschrieben”.

Petra Lupp von lebensdomizile hat Ingrid Meyer-Legrands Buch rezensiert. Ihr Fazit: “Ein wunderbares Buch zum Selbstlesen und Verschenken!”

Petra Schuseil vom wesentlichewerdenblog hat sich ebenfalls zum Buch “Die Kraft der Kriegsenkel” von Ingrid Meyer-Legrand geäußert. Ihr Fazit: “Wir haben als Kriegsenkel so viele Ressourcen! Meyer-Legrand ermutigt uns, diese zu erkennen und anzuerkennen. Sie zu nutzen in der aktuellen Lebenssituation, die wir gerade haben.”

Kampf ums nackte Überleben

Irgendwie ließ uns das lange unberührt – wir waren auch mit uns selbst beschäftigt. Meine Eltern zumindest, die aus Böhmen vertrieben worden waren, mühten sich, aus dem Nichts etwas zu schaffen. Nach der Vertreibung, die ihnen kaum etwas ließ, die sie als Deutsche unter Deutschen fremd fühlen ließ in einem zerstörten Land, ging es erst einmal ums nackte Überleben. Dann kam der Wiederaufbau, die Verhältnisse bessert sich langsam – und schließlich feierte Deutschland sein „Wirtschaftswunder“.

Traumata werden weitergegeben

In dieser Zeit bin ich und ist die Generation der zwischen 1950 und 1970 Geborenen aufgewachsen. Ich hatte sicher mehr Glück mit meinen Kriegskinder-Eltern. Mein Vater war vergleichsweise resilient – und dazu hatte ich einen Großvater mit viel Zeit und Verständnis. Mit zwei großen Schwester durfte ich mich umsorgt fühlen, anders als viele andere Kriegsenkel, die zu „Eltern ihrer Eltern werden“, wie Ingrid Meyer-Legrand in ihrem Buch beschreibt und von „transgenerationeller Weitergabe von Traumata“ berichtet.

Viel Freiheit zur Selbstverwirklichung

Trotzdem ging es mir so, dass die „Eltern oftmals nicht die Instanz waren, die sagen, was zu tun und was zu lassen ist“. Für andere aus der Kriegsenkel-Generation war das sicher negativ besetzt, weil sie damit schlicht überfordert waren. Für mich war es eher Freiheit – ja, auch die gab es damals in den 60er-Jahren mehr als heute. Viele Straßen waren nur Kiespisten, auf denen kaum Autos fuhren, Bunker aus der Nazi-Zeit und unverbaute Seen und Flüsse waren die Spielplätze. Die Schule war am Nachmittag aus, und es blieb genug Zeit zum Spielen.

Auch das gehört zu unserem Erfahrungsschatz: Wir sind in eine „offen, mobile Gesellschaft hineingewachsen. Uns Kriegsenkel „schien die Welt einfach offen zu stehen“, wie Ingrid Meyer-Legrand schreibt.

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

8 Comments

  1. Hallo Helmut, ich freue mich sehr, dass Du meine Buchbesprechung gefunden und gleich verlinkt hast. Jetzt gibt es schon eine ordentliche Sammlung der Erkenntnisse. Ich habe mich gesträumt, ein Kriegsenkel zu sein. Gemäß Bode beschreibt sie die 50er Jahrgänge als Nachkriegskinder, wenn ich es dann richtig verstanden habe.

    Was für mich jetzt noch mal tiefer gerutscht ist, weil Du es hier erwähnst: die Freiheit die wir hatten … mit allen Vor- und Nachteilen. Aber es ist ein wichtiger Wert für mich.

    Danke für die vielen interessanten Links und Informationen.
    Vor allem dass es ein Treffen gibt in Schmitten. Das schaue ich mir näher an.

    Alles Liebe und Gute. Petra

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    1. Hallo Petra,
      es war wohl Zeit für dieses Buch. Wir sind Kriegsenkel und Babyboomer gleichzeitig – mit dem Päckchen, das wir tragen, aber auch mit den Freiheiten die wir damals in der Kindheit hatten.
      liebe Grüße
      Helmut

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  2. […] Helmut Achatz beschreibt in seinem Blog Vorunruhestand sehr offen seinen Blick auf die eigene Jugend und den Vater, Fazit: „Ingrid Meyer-Legrand ist es in diesem Buch […] gelungen, das ‚lange ins Private abgeschobene Leid in die Öffentlichkeit zu holen‘. Mich hat es angeregt, über meine eigenen Erfahrungen zu reden, wobei mir einiges deutlich geworden ist, was ich bislang nur ahnte.“ […]

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  3. Liebe Maria, liebe Friede, liebe Petra,
    danke für eure Kommentare. Ehrlich gesagt, ich habe das Buch einige Wochen mit mir herum getragen. Zuerst dachte ich, ich lese es in einem Rutsch, dann habe ich mir Post-its reingeklebt und viele Stellen markiert. Es hat mich inspiriert, auf meine Zeit als Junge zurück zu blicken. Mir wurde dabei einiges klar, was bisher eher nur eine Ahnung war. Insofern finde ich das Buch bereichernd – und empfehlenswert.

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  4. Lieber Helmut,

    danke für diesen sehr offenen Beitrag! Ich denke, dass dieser Reflexionsprozess für uns alle nicht ganz unwichtig ist. Und freue mich darüber und darauf, wenn wir Kriegsenkel unsere Erfahrungen austauschen – und von diesem Austausch vielleicht sogar profitieren können…

    Denn das ist ein viel weiteres Feld, als ich bisher angenommen habe…. Das bestätigt Friede hier ebenso wie das meine Facebook-Freunde schon getan haben: Wo für mich die Kriegsenkel bisher zeitlich im Bereich der heute über 50-Jährigen angesiedelt waren, habe ich mittlerweile gelernt, dass diese Erfahrungen noch für bis zu in den 1980ern Geborene eine wichtige Rolle spielen. Was sich mit Meyer-Legrands Definition deckt, die von den Jahrgängen 1950 bis 1980 spricht – wir sind alle Kriegsenkel.

    Noch viel wichtiger finde ich, dass dieser Blick zurück uns einerseits als gesellschaftliche Gruppe eint (und in meiner Sicht wirkllich auch “stärkt”) andererseits der Weg über unsere Kriegskind-Eltern, deren Erfahrungen und unseren Umgang damit bis heute ziemlich viele nützliche (wenngleich oft genug schmerzlich gelernte) Eigenschaften zutage gefördert hat. Wie du auch schreibst, haben wir eine Ahnung davon, wie Freiheit aussehen kann, haben gelernt, welche Rolle Empathie oder die Fähigkeit zur Resilienz spielen können. Vor allem aber haben wir eine Ahnung davon mitbekommen, dass der heute meist vorherrschende Blick auf Lebensleistungen sich nicht nur in der Bewertung von Geld, Erfolg und Karriere erschöpfen muss… Dass man diesen Blick ruhig mal auch auf andere Dinge richten sollte/könnte. Dinge, die du auch mit Blick auf deinen Vater beschreibst: das Überleben, das Aufbauen, Neuorientierung, der Einsatz gegen Ungerechtigkeiten, für Freiheit etc. Dinge, die heute leider gern mal belächelt werden. Und uns dennoch – ziemlich positiv, wie ich finde – geprägt haben. Dazu gehört auch, dass viele von uns aus der eigenen Famillien Flüchtlingsschicksale, mit allen wirtschaftlichen wie emotionalen Konsequenzen bestens kennen… Ziemlich vereinfacht gesagt, hat uns dieser Prozess in Kontakt mit Werten gebracht, mit Dingen, die es zu verteidigen gelten könnte/sollte… Weshalb ich denke, dass wir gesamtgesellschaftlich gesehen, eine ziemlich wichtige Gruppe darstellen. Aber wem sage ich das? Das weisst du ja. Wie dein gesamter Blog beweist! Danke dafür!

    Mit herzlichem Gruß
    Maria

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    1. Danke für deinen einfühlenden Kommentar

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  5. Hallo Helmut, habe Deine Rezension ja schon erwartet. Und genau wie Du und Maria habe auch ich eine Rezension zum Buch geschrieben, ausgerichtet auf die Zielgruppe 50plus.

    http://www.lebensdomizile.com/de/wissenswertes-fuer-verbraucher/literatur.html?showall=&start=1

    Liebe Grüße
    Petra
    Lebensdomizile weltweit

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  6. Toller Artikel! Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon seit einiger Zeit, denn es betrifft nicht nur die Kriegsenkel selber, sondern auch die nachfolgenden Generationen (ich bin Jahrgang 1985). Und zwar nicht nur am Rande. Für mich und meine eigene, ganz persönliche Geschichte ist dieses Thema ganz elementar. Deshalb freue ich mich, wenn es nach und nach in den öffentlichen Fokus gerät.
    Das Buch von Ingrid Meyer-Legrand kannte ich noch nicht, werde es mir nun aber definitiv zulegen.

    Liebe Grüße, Friede

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