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Mit „Brigitte Wir“ startet Gruner + Jahr ein Magazin für Babyboomerinnen. Das sind Frauen in der „dritten Lebenshälfte“. Ja, richtig gelesen. Gemeint sind wohl Frauen ab 55, die bereits zwei Drittel ihrer Lebenserwartung von 83 Jahren hinter sich haben – und noch ein Drittel vor sich. Warum die Macherinnen des Magazins für Babyboomerinnen unbedingt von dritter Lebenshälfte reden, bleibt schleierhaft. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mutmaßt, dass es sich um eine „mathematisch schwer zu fassenden, aber unmissverständlich nach einem Plus klingende biographische Zone“ handelt.

„Brigitte Wir“ – Magazin für Babyboomerinnen

Was interessiert nun diese „weltoffenen, lebensklugen älteren Frauen“ (O-Ton Brigitte Wir)? Den Anzeigen im Heft zu schließen vor allem vitale Öle für die reife Haut, Sneakers, Maßkonfektion, Teekannen und Stretchhosen (präsentiert von der 47-jährigen US-Schauspielerin Patricia Arquette), Topfsets (für Männerhände), Bikini-Notfall-Pläne und Ultralight Down Jackets. Das lässt eine spannende Mischung erwarten.

Mal philosophisch, mal proklamatorisch – „Brigitte Wir“ will der Generation der Babyboomerinnen eine Stimme geben, ihre Wünsche und Träume widerspiegeln auf 146 Seiten. Die Mischung wirkt etwas abstrus: Da erzählt die Beauty-Redakteurin, dass alles Schminken und Spachteln nichts hilft und präsentiert trotzdem Fluids und Deo-Sprays. Im Gegenteil, seit sie sich nicht mehr schminkt und stylt geht’s ihrer Haut besser. Irgendwie kontraproduktiv. Für Männer sowieso unverständlich. Na ja, Brigitte Wir ist ja auch ein Magazin für Babyboomerinnen im Bestage.

Altern – das neue Pubertieren

Manchmal versteigen sich die Texte ins Metaphysische, wenn „Brigitte Wir“ fragt, „wie man eine Sehnsucht nach ozeanischen Gefühlen in Einklang bringt mit der Verunsicherung über den älter gewordenen Körper“. Ganz abgesehen davon, dass es „frau“ hätte heißen müssen. Interessant auch die Erkenntnis, dass „Altern das neue Pubertieren“ ist.

„Brigitte Wir“ richtet sich zwar an Seniorinnen, aber will das um Gotteswillen nicht so erwähnt sehen. Schwierig, das auszuklammern beim Durchblättern der Fotostrecke mit grell geschminkten Grannys, die „Brigitte Wir“ unbedingt „raus aus der Grauzone“ holen wollte. Auf unvoreingenommenen Männer wirkt diese kosmetische Ausrutscher eher abschrecken denn animierend. Eine Oma mit farblich unterschiedlichen Lidschatten ist etwas fürs Gruselkabinett.

Reportagen, Interviews, Nachruf

Eigenartig und wie aus dem Off wirken Reportagen über die „hinreißenden Ladys“ aus Guantánamo. Die Story kommt wie Kai aus der Kiste – die Vermutung drängt sich auf, dass irgendjemand noch Stehsatz in der Schublade gefunden hat. Auch der „Nachruf auf die sechs Jahre verstorbene Primaballerina Bausch“ („Die Welt) mit Fotos von 1967 und erscheinen etwas eigenartig und aus der Zeit gefallen: Pina Bausch starb im Juni 2009.

Das Interview mit der Musikerin und Liedtexterin Joni Mitchell stammt aus einem Buch, das im vergangenen Jahr erschien – entsprechend angestaubt liest es sich, wozu auch die vergilbten Fotos aus den 70er-Jahren beitragen.

Beauty-Modestrecke

Hinaus begleitet wird die Leserin in „Brigitte Wir“ von „Harold & Maude“ – eine an den Filmklassiker anmutende Fotostrecke, die vor allem Mode verkaufen will: einen Kaninchenfellmantel für 1077 Euro, einen Kaschmir-Pullover für 499 Euro und einen Maxirock mit Patchworkmuster für 1998 Euro. Die beiden Protagonisten: ein junger Mann und eine alte Frau.

Extraheft Wohnen im Alter

Wirklich hilfreich ist das beiliegende Extraheft rund ums Thema Wohnen. Mit Themen wie „Sich einrichten im Alter“, Wohnprojekte, „Leben nach Maß“ und „barrierefrei umbauen“ sowie „Entrümpeln“.

„Brigitte Wir“ ist der Versuch, ein Werbeumfeld für gut situierte Bestager zu schaffen, die noch keinen Rollator brauchen und auf Stützstrümpfe verzichten können. Die Rentner-Special-Welle baut sich gerade erst auf – ob „Brigitte Wir“ da mitschwimmt?

Hier einige Beispiele aus „Brigitte Wir“ – dem Magazin für Babyboomerinnen:

 

Weiterführende Links:

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

3 Comments

  1. Der Inhalt hört sich alles irgendwie leicht wirr und widersprüchlich an. Als ob die Macher dieser Zeitschrift wahllos alles zusammengetragen hätten, was ihrer Meinung nach in diese Altersgruppe passen könnte. Schade….
    Vielleicht kaufe ich mir die nächste Ausgabe mal, um mir selbst ein Bild davon zu machen.

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    1. so ging’s mir beim Lesen. Das fängt schon mit der Definition der Zielgruppe „Magazin für die dritte Lebenshälfte“. Eigentlich möchte Brigitte die 50plus-Generation, richtet sich gleichzeitig an die 60plus-er. Das Editor ist überschrieben mit „vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran“ – klingt gut, ist aber ziemlich diffus. Die Zusammenstellung der Reportagen und Porträts wirkt willkürlich – da kommt eine 71-Jährige vor und eine längst verstorbene Pina Bausch vor. Die Werbung wiederum richtet sich an 40-Jährige. Ich zumindest war verwirrt. Gut, ich bin keine Frau, ich habe das Magazin aber auch anderen Frauen gezeigt und gefragt, was sie davon halten … die Reaktion war ähnlich.

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