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Gesund in Rente – das ist eher die Ausnahme. Jeder Fünfte oder sogar jeder Vierte fühlt sich ziemlich gestresst. Wenn das nur für kurze Zeit ist: kein Problem. Anders sieht es aus, wenn das Gestresstsein zum Dauerzustand wird. „Gestresst zu sein, gehört heute fast zum guten Ton“, schreibt die Techniker Kranken. Stress kostet Lebenszeit und wirkt sich auf die Gesundheit aus. „Das hält keiner bis zur Rente“, so das Buch von Hans-Peter Unger und Carola Kleinschmidt.

Recht haben die Beiden, die eine übrigens Diplombiologin, der andere Chefarzt des Zentrums für Seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg.

Ich habe ihr Buch aufmerksam gelesen und einiges notiert, was ich interessant und nützlich fand in dem 300 Seiten dicken Buch. Was mich am meisten erstaunte, war die Erkenntnis, dass wir – oder zumindest viele – „unser gehetztes Lebensgefühl paradoxerweise als ‚must have‘“ ansehen. Stress hält ein Stück weit die Gesellschaft zusammen – so unrecht dürften die Autoren nicht haben. „Stresstalk statt Smalltalk“, fassen sie es zusammen. Das sei der soziale Kitt. „Insofern hat es durchaus Sinn, über Stress zu jammern und zugleich nichts zu verändern. Die gemeinsame Klage schafft das soziale Miteinander, das uns sonst so sehr fehlt“. So wird’s nichts mit – gesund in Rente.

Karriere zu Ende, Schluss mit Stress – und nun?

Was passiert dann bloß in der Rente, wenn zumindest der berufliche Stress abfällt? Ich will das jetzt nicht tiefer gehend ergründen – vielleicht später. Es kann indes zum Problem werden. Rentner gehören nicht mehr zur Leistungsgesellschaft, damit bricht ein Stück Identifikation weg. Dessen sollten sich Vorruheständler schon mal bewusst werden.

Eine Zwischenbemerkung: Die Autoren verweisen auf eine Studie der Techniker Krankenkasse. Es lohnt sich in „Bleib locker Deutschland!“ einmal reinzuschauen. Ich denke, der eine oder andere nimmt brauchbare Erkenntnisse mit.

Dauerstress führt nicht selten zum Burnout – das ist die Notbremse. Die Mediziner klassifizieren das mit der Zusatzdiagnose Z 73, was für „Probleme mit der Lebensbewältigung“ steht. Oft wird das begleitet von Bluthochdruck, Rückenschmerzen bis hin zum Bandscheibenvorfall.

Woher kommt Burnout?

Woher kommt dieses Ausgebranntsein? Die Autoren des Buch haben es schön zusammengefasst – in dem Kapitel „Statt des Tigers fürchten wir soziale Ausgrenzung und Abstieg. Wir reagieren empfindlich auf mangelnde Wertschätzung. „Sobald wir das Gefühl haben, dass unsere Anstrengungen im Beruf oder Privatleben von den anderen nicht angemessen anerkannt und wertgeschätzt werden, geraten wir unter Stress“, so Unger und Kleinschmidt.

Sie erklären weiter, sie Stress entsteht und sich die Erschöpfungsspirale aufbaut. Es geht los mit Schlafstörungen, denen Energieverlust folgt und schließlich im Automatenleben endet mit Apathie und Selbstmordgedanken.

Interessant auch der Gedanke, dass „Unternehmen ausbrennen“. Wenn auch nur annähernd stimmt, was die Autoren schreiben, dann ist das erschreckend: „Fast die Hälfte der Unternehmen zeigt eine gewisse Erschöpfung und einen Mangel an Energie, der durchaus mit dem Energieschwund zu vergleichen ist, den Menschen erleben, wenn sie sich auf  der Erschöpfungsspirale abwärts in Richtung Burnout bewegen – die Leistungsfähigkeit ist reduziert, Präsentismus nimmt zu (trotz Krankheit am Arbeitsplatz erscheinen), die Produktivität geht zurück“. Ich denke, jeder kennt solche Unternehmen, wenn er denn nicht sogar in einem solchen arbeitet.

Mit 50 schon altes Eisen?

Was bedeutet das für die Vorruheständler? Wer anscheinend nicht mehr so leistungsfähig ist, wird ausgebremst oder sogar ausgeschlossen. „Ab spätestens 50 empfinden sich viele deutsche Arbeitnehmer wie ‚altes Eisen‘ und sorgen sich, auf Abstellgleich geschoben zu werden“, so die Beobachtung der Beiden. Ein Indiz dafür sei, die Unwilligkeit der Unternehmen, sie weiterzubilden: „Nur knapp 20 Prozent der 50- bis 65-Jährigen werden noch aktiv in Weiterbildungsprogramme der Unternehmen einbezogen“.

Gesund in Rente

Wie lässt sich gegensteuern? Wer bis ins Rentenalter gesund bleiben will, muss Risiko- und Schutzfaktoren ausbalancieren. Dabei ist „Gesundheit kein Zustand, sondern ein Prozess“. Es gilt, die Stressspirale „umzudrehen“. Die Autoren verweisen dabei auf den Soziologieprofessor Aaron Antonovsky, der „sich intensiv mit der Frage beschäftigte, was Menschen gesund hält“. Sein Konzept heißt „Salutogenese“. Es gibt laut Antonovsky drei Parameter, „die dafür sorgen, dass wir auch aus schwierigen Situationen gesund oder sogar gestärkt wieder herausfinden“. Dazu gehören:

  • die Verstehbarkeit (sich die Welt erklären können)
  • die Machbarkeit (überzeugt, Anforderungen zu meistern) und
  • die Sinnhaftigkeit (wir die Herausforderung als sinnvoll erachten)

Wenn es ein Menschen noch schafft, „die Ressourcen in sich selbst und in seinem Umfeld in dieser Weise zu nützen“, so sieht das Antonovsky als „Selbstkohärenz“ an. Ein anderes Wort, das in die gleiche Richtung zielt, ist die Resilienz oder psychische Widerstandskraft. Sie spielt im Berufsleben eine wichtige Rolle.

Mehr Resilienz, mehr Lebenslust

Wer es schafft, diese Resilienz zu pflegen, lebte mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Leben, in dem er Herausforderungen effektiv begegne, Vorteile aus den Möglichkeiten ziehe, die sich ihm bieten, in dem er erfolgreich, gesund und glücklich sei in den Monaten und Jahren, die noch kommen, wird Barbara Fredrickson, Professorin für Psychologie an der University of North Carolina.

Das funktioniert, kurz zusammen gefasst mit Achtsamkeitsübungen. „Wer regelmäßig übt, stärkt beispielsweise ganz konkret vier Funktionsbereiche in unserem Gehirn“, so die Autoren:

  • die Aufmerksamkeitsregulation,
  • die Körperwahrnehmung,
  • die Emotionsregulation und
  • die Selbstwahrnehmung

Raus aus dem Hamsterrad kommt nur, wer lernt An- und Entspannung ins Lot zu bringen. Das klingt leichter als es ist.

Wichtig ist den Autoren auch ein gesundes Verhältnis zwischen positiven und negativen Gefühlen: Das Verhältnis sollte 3:1 sein – drei positive Gefühle, ein negatives Gefühl. Das Umschalten zwischen positiven und negativen Gefühle sei ein wichtiger Baustein unserer Resilienz.

Zum Schluss sechs Ideen für mehr Ausgleich:
  • „30 Minuten am Tag für mich“ – einfach sich selbst spüren
  • „Auf – und Abwärmphasen“ – bei jedem Wechsel kurz innehalten
  • „Ja-Puffer einbauen“ – nicht gleich „ja“ sagen, sondern ein Verzögerungsritual einbauen
  • „drei gute Dinge am Tag“ – am Abend notieren, was gut gelaufen ist
  • „weglassen statt draufpacken“ – sich selbst fragen, was könnte ich weglassen
  • „ein heiliger Termin“ – einmal pro Woche einen Termin mit dem Partner fixieren
Minipause

„Öffnen Sie kurz das Fenster und atmen Sie vier Mal ruhig ein und aus.“

Ein-Minuten-Atemmeditation

Wecker einstellen, davor entspannte Haltung einnehmen, den Körper bewusst spüren, Schultern lockern, Kinn gen Brust neigen, Hände locker auf die Knie legen, Handflächen nach oben, einfach sitzen ohne etwas Bestimmtes zu tun.

Liebende-Güte-Meditation

Zweck ist es, „bewusst positive Emotionen zu kultivieren und eine freundliche, zugewandte Haltung zu aktivieren, der der Sie Ihre Erfahrungen und den Menschen, der Sie sind, wohlwollend annehmen können“

Das ist nur eine knappe Zusammenfassung nützlicher und aufschlussreicher Ideen und Konzepte in diesem Buch „Das hält keiner bis zur Rente durch“. Erschienen ist es im Kösel-Verlag, München, 19,99 Euro.


Der Schweizer Bänz Friedli Kabarettist aus Zürich hat ein “Lob des Alters” in der Neuen Zürcher Zeitung verfasst und darin empfiehlt er

Es geht nicht darum, in Gestalt und Fitness «forever young» zu bleiben, sondern im Geist. Dann macht das Altern Spass.

und weiter

Älter werden heisst, man muss nicht mehr: dazugehören, mitmachen, sich beweisen. Man darf nur noch.

sowie

Kontakt zu Heranwachsenden ist der beste Schutz vor Kulturpessimismus.

ein lesenswerter Artikel.


 

Weiterführende Links:

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

7 Comments

  1. […] „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran …“ – wer kennt das Lied von Udo Jürgens nicht. Aber wer mit 66 Jahren erst in Schuss kommt, für den ist dann auch schon Schluss. Wer alt werden will, muss früh anfangen – und nicht erst mit 66. Warum aber bleiben einige auch im Alter geistig und körperlich fit und andere nicht? Wie ticken Superager? […]

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  2. […] Das wissen die wenigsten von uns. Biochemiker und Neurobiologen haben herausgefunden, dass aktivierte Muskeln Stoffe freisetzen, die ins Blut gelangen und im Gehirn zur Ausschüttung von BDNF (Brain-Derived […]

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  3. […] in Rente: Erkenntnisse aus der Stress-Medizin (“Das hält keiner bis zur Rente […]

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  4. Naja – die sechs Tipps für mehr Ausgleich sind eher albern. Im Grunde wäre ich froh, wenn man mich als “altes Eisen” sehen könnte, dann würde man Rücksicht nehmen.

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    1. Helmut Achatz 28. Juli 2015 at 14:24

      Wer ist “man”? Ich denke, jeder muss sich mehr Selbstdisziplin im Alter angewöhnen und die Übergriffen des Berufsalltags abwehren oder zumindest reduzieren.
      happy aging 😉

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