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„Denn eins ist sicher: die Rente“, predigte der damalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Norbert Blüm, 1986 im Wahlkampf, dabei hätte es heißen müssen „misstraut der Rente“ Ja, ein paar Euro wird’s immer geben – zum Leben reicht’s freilich nicht. Das hat „Nobbi“, so sein Spitzname, verschwiegen – weil er’s sich einfach nicht vorstellen konnte.

Mit seinem forschen Slogan wiegte er die Deutschen jahrelang in einer trügerischen Sicherheit. „Wird schon werden“, hofften viele. Nichts ist geworden – nein, sorry, doch: schlechter. Für viele mit gebrochener Erwerbsbiografie, darunter viele Frauen, reicht die gesetzliche Rente hinten und vorne nicht – wie auch: Die Zahl der Einzahler schrumpft, die der Bezieher steigt. Deswegen: „Misstraut der Rente“.

Schon bald kommen die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter. Dann muss die Rentenformeln noch einmal angepasst werden. Vor einigen Jahren wurde die Rentenanpassungsformel um den Nachhaltigkeitsfaktor ergänzt, der das Verhältnis von Rentner und Beitragszahlern austarieren soll. „Misstraut der Rente“

Problem mit der Nachhaltigkeit

Dadurch sinkt tendenziell die effektive Rente von Millionen Ruheständlern. So langsam dämmert vielen Deutschen, dass es mit einem beschaulichen Leben im Alter wohl nichts wird. Das bestätigt jetzt eine Studie, die Axa von YouGov Deutschland durchführen ließ. Danach fragt sich jeder zweite Erwerbstätige hierzulande, ob private Altersvorsorge überhaupt noch sinnvoll ist. „59 Prozent klagen über eine wachsende Angst beim Thema Altersvorsorge und bereits 39 Prozent erwarten als Rentner oder Pensionär eine verschlechterte Lebensqualität.“

Null Bock auf Altersvorsorge

Da geht’s den derzeitigen Rentner noch vergleichsweise gut. Drei Viertel von ihnen (76 Prozent) berichten der Studie zufolge über eine gleiche oder sogar verbesserte Lebensqualität als zuvor im Beruf.

Diese Aussichten verdirbt vielen Deutschen die Lust auf Ruhestandsplanung, so die Studie. „Sechs von zehn Erwerbstätigen haben damit begonnen (60 Prozent); vor zehn Jahren hingegen gab dies bei einer gleichlautenden Befragung durch Axa noch ein gutes Drittel mehr an (82 Prozent).“ Viele stecken offensichtlich den Kopf in den Sand, denn ihnen ist dieses Versäumnis auch bewusst: „So halten die Erwerbstätigen bundesweit im Durchschnitt 60 Prozent mehr an monatlicher Vorsorgeleistung zur privaten Altersvorsorge für nötig (412 Euro), als sie selbst tatsächlich aufbringen (257 Euro).“

Am generellen Sinn privater Altersvorsorge zweifeln laut Axa-Report auffallend mehr Berufstätige in Ostdeutschland als im Westen. Parallel dazu sparen Ostdeutsche weniger – weniger als Westdeutsche. Die Sachsen legen mit 178 Euro am wenigsten zurück. Am meisten und fast doppelt so viel wenden der Studie zufolge dagegen die Saarländer auf mit 345 Euro im Monat.

Verzweifeln am Niedrigzins

Den Versicherern verhagelt’s das Geschäft, denn wegen der anhaltenden Niedrigzinsphase schließen sechs von zehn Erwerbstätigen in Deutschland keine Vorsorgeverträge mehr ab. Machen sie denn etwas Anderes? Wohl kaum, denn auch die Aktionärsquote ist in Deutschland gefallen. Weniger Versicherungen, weniger Aktien. Was treiben die Deutschen bloß, um ihr Alter zu sichern? Sicher zu wenig – damit laufen sie offenen Auges in die Altersarmutsfalle. Und noch einmal: Misstraut der Rente!

Eigenes Heim, Glück allein

Ok, sie kaufen sich ein Eigenheim. Die Eigentumsquote ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – mittlerweile haben mehr als die Hälfte der Deutschen ein Häuschen oder eine Wohnung. Sie sehen das selbstgenutztes Eigenheim als Sicherung fürs Alter an. „Der beruhigende Effekt von Immobilieneigentum bei der Ruhestandsplanung zeigt sich in unserer Studie auch insgesamt“, so Axa-Vorstand Dr. Patrick Dahmen. Ohne Immobilienbesitz wird’s schwierig. Die Anderen haben sich wohl zu sehr auf die gesetzliche Rente bei der Ruhestandsplanung verlassen – und sind jetzt verlassen. Deswegen kann es nur heißen: Misstraut der Rente!

Jeder Dritte war zu naiv – also, misstraut der Rente

Jeder dritte im Ruhestand lebende Deutsche gibt der Studie zufolge ausdrücklich zu, dass er sich rückblickend zu stark auf die gesetzliche Rente bei der Planung verlassen hat – in Sachsen-Anhalt und Sachsen sogar fast jeder zweite Ruheständler. Sie haben den Satz „Misstraut der Rente“ nicht verinnerlicht.

Übrigens, YouGov hat insgesamt 3242 Deutsche telefonisch befragt – in allen 16 Bundesländern.

Weiteführende Links:

 

Posted by Helmut Achatz

Vorruheständler, Journalist, Börsianer, Vorstand VHS Olching, Wirtschaftsingenieur,

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